Anthroposophie auf dem Weg

Einige Ausführungen von Rudolf Steiner zum anthroposophischen Schulungsweg sollen die persönlichen Erfahrungsberichte und Auswertungen als Beispiele für ihre ursprüngliche Inspirationsquelle und als Anregungen zum Studium im Kontext von Rudolf Steiners Büchern und Vorträgen ergänzen. Trotz der bisher überwiegend positiven Rückmeldungen zu "Die anthroposophische Meditation" (auch im Sinne von:  die Arbeit ist weitgehend aus sich heraus verstehbar), meine ich besonders für die spirituell Interessierten, die keinen anthroposophischen Hintergrund haben, dass es einer Verdeutlichung dient, wenn eine kleine Auswahl von Rudolf Steiners Schulungswegtexten auf dieser Website zur schnellen Verfügung steht. Ich beschränke mich dabei auf Ausführungen, die Erklärungen und Anleitungen unmittelbar zur Übungspraxis geben.

Die grundlegenden Schulungswegbücher von Rudolf Steiner sind neben "Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?":  "Die Stufen der höheren Erkenntnis", "Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen", "Die Schwelle der geistigen Welt" und die "Philosophie der Freiheit". Außerdem finden sich aufschlussreiche Kapitel zum Schulungsweg in der "Theosophie", der "Geheimwissenschaft im Umriss" und in "Drei Schritte der Anthroposophie (Philosophie-Kosmologie-Religion)". Alle Bücher sind im Rudolf Steiner Verlag auch als Taschenbuchausgaben erschienen.

Hans-Peter Dieckmann, September 2007 

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Inhalt

Text 1: Allgemeine Anforderungen, die ein jeder an sich selbst stellen muss, ...

Text 2: Der Achtgliedrige Pfad in der Neufassung von Rudolf Steiner

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Text 1

Der erste Text befasst sich mit den Grundübungen Gedankenkontrolle, Willensinitiative, Gleichmut, Positivität, Unvoreingenommenheit und deren Zusammenklang, die in anderen Ausführungen von Rudolf Steiner - je nach ihren Bezügen - mit etwas abweichenden Betonungen und Durchführungsanleitungen dargestellt werden. Die Bezeichnungen der Grundübungen habe ich zur leichten Übersicht eingefügt.

Allgemeine Anforderungen, die ein jeder an sich selbst stellen muss, der eine okkulte Entwicklung durchmachen will

In dem Folgendem werden die Bedingungen dargestellt, die einer okkulten Entwicklung zugrunde liegen müssen. Es soll niemand denken, dass er durch irgendwelche Maßnahmen des äußeren oder inneren Lebens vorwärtskommen könne, wenn er diese Bedingungen nicht erfüllt. Alle Meditations- und Konzentrations- und sonstigen Übungen werden wertlos, ja, in gewisser Beziehung sogar schädlich sein, wenn das Leben nicht im Sinne dieser Bedingungen sich regelt. Man kann dem Menschen keine Kräfte geben; man kann nur die in ihm schon liegenden zur Entwicklung bringen. Sie entwickeln sich nicht von selbst, weil es äußere und innere Hindernisse für sie gibt. Die äußeren Hindernisse werden behoben durch die folgenden Lebensregeln.* Die inneren Hindernisse durch die besonderen Anweisungen über Meditation und Konzentration usw.

* Ihre Überwindung bedeutet natürlich auch schon eine Verwandlung des Innenlebens - H-P.D.

Gedankenkontrolle

Die erste Bedingung ist die Aneignung eines vollkommen klaren Denkens. Man muss zu diesem Zweck sich, wenn auch nur eine ganz kurze Zeit des Tages, etwa fünf Minuten (je mehr, desto besser) freimachen von dem Irrlichtelieren der Gedanken.  Man muss Herr in seiner Gedankenwelt werden. Man ist nicht Herr, wenn äußere Verhältnisse, Beruf, irgendwelche Traditionen, gesellschaftliche Verhältnisse, ja, selbst die Zugehörigkeit zu einem gewissen Volkstum, wenn Tageszeit, bestimmte Verrichtungen usw., usw., bestimmen, dass man einen Gedanken hat, und wie man ihn ausspinnt. Man muss sich also in obiger Zeit ganz nach freiem Willen leer machen in der Seele von dem gewöhnlichen, alltäglichen Gedankenablauf und sich aus eigener Initiative einen Gedanken in den Mittelpunkt der Seele rücken. Man braucht nicht zu glauben, dass dies ein hervorragender oder interessanter Gedanke sein muss; was in okkulter Beziehung erreicht werden soll, wird sogar besser erreicht, wenn man anfangs sich bestrebt, einen möglichst uninteressanten und unbedeutenden Gedanken zu wählen. Dadurch wird die selbsttätige Kraft des Denkens, auf die es ankommt, mehr erregt, während bei einem Gedanken, der interessant ist, dieser selbst das Denken fortreißt. Es ist besser, wenn diese Bedingung der Gedankenkontrolle mit einer Stecknadel, als wenn sie mit Napoleon dem Großen vorgenommen wird. Man sagt sich: Ich gehe jetzt von diesem Gedanken aus und reihe an ihn durch eigenste innere Initiative alles, was sachgemäß mit ihm verbunden werden kann. Der Gedanke soll dabei am Ende des Zeitraums noch ebenso farbenvoll und lebhaft vor der Seele stehen wie am Anfang. Man mache diese Übung Tag für Tag, mindestens einen Monat hindurch; man kann jeden Tag einen neuen Gedanken vornehmen; man kann aber auch einen Gedanken mehrere Tage festhalten. Am Ende einer solchen Übung versuche man, das innere Gefühl von Festigkeit und Sicherheit, das man bei subtiler Aufmerksamkeit auf die eigene Seele bald bemerken wird, sich voll zum Bewusstsein zu bringen, und dann beschließe man die Übungen dadurch, dass man an sein Haupt und an die Mitte des Rückens (Hirn und Rückenmark) denkt, so wie wenn man jenes Gefühl in diesen Körperteil hineingießen wollte.

Willensinitiative

Hat man sich etwa einen Monat also geübt, so lasse man eine zweite Forderung hinzutreten. Man versuche irgendeine Handlung zu erdenken, die man nach dem gewöhnlichen Verlauf seines bisherigen Lebens ganz gewiss nicht vorgenommen hätte. Man mache sich nun diese Handlung für jeden Tag zur Pflicht. Es wird daher gut sein, wenn man eine Handlung wählen kann, die jeden Tag durch einen möglichst langen Zeitraum vollzogen werden kann. Wieder ist es besser, wenn man mit einer unbedeutenden Handlung beginnt, zu der man sich sozusagen zwingen muss, zum Beispiel nimmt  man sich vor, zu einer bestimmten Zeit eine Blume, die man sich gekauft hat, zu begießen. Nach einiger Zeit soll eine zweite dergleichen Handlungen zur ersten hinzutreten, später eine dritte und so fort, soviel man bei Aufrechterhaltung seiner sämtlichen anderen Pflichten ausführen kann. Diese Übung soll wieder einen Monat lang dauern. Aber man soll, soviel man kann, auch während dieses zweiten Monats der ersten Übung obliegen, wenn man sich diese letztere auch nicht mehr so zur ausschließlichen Pflicht macht wie im ersten Monat. Doch darf sie nicht außer acht gelassen werden, sonst würde man bald bemerken, wie die Früchte des ersten Monats bald verloren sind und der alte Schlendrian der unkontrollierten Gedanken wieder beginnt. Man muss überhaupt darauf bedacht sein, dass man diese Früchte, einmal gewonnen, nicht wieder verliere. Hat man eine solche durch die zweite Übung vollzogene Initiativ-Handlung hinter sich, so werde man sich des Gefühls von einem inneren Tätigkeitsantrieb innerhalb der Seele in subtiler Aufmerksamkeit bewusst und gieße dieses Gefühl gleichsam so in seinen Leib, dass man es vom Kopf bis über das Herz herabströmen lasse.

Gleichmut

Im dritten Monat soll als neue Übung in den Mittelpunkt des Lebens gerückt werden die Ausbildung eines gewissen Gleichmuts gegenüber den Schwankungen von Lust und Leid, Freude und Schmerz, das "Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt" soll mit Bewusstsein durch eine gleichmäßige Stimmung ersetzt werden. Man gibt auf sich acht, dass keine Freude mit einem durchgehe, kein Schmerz einen zu Boden drücke, keine Erfahrung einen zu maßlosem Zorn oder Ärger hinreiße, keine Erwartung einen mit Ängstlichkeit oder Furcht erfülle, keine Situation einen fassungslos mache, usw., usw. Man befürchte nicht, dass eine solche Übung einen nüchtern und lebensarm mache; man wird vielmehr alsbald bemerken, dass an die Stelle dessen, was durch diese Übung vorgeht, geläutertere Eigenschaften der Seele auftreten; vor allem wird man eines Tages eine innere Ruhe im Körper durch subtile Aufmerksamkeit spüren können; diese gieße man, ähnlich wie in den beiden oberen Fällen, in den Leib, indem man sie vom Herzen nach den Händen, den Füßen und zuletzt nach dem Kopf strahlen läßt.  Dies kann natürlich in diesem Fall nicht nach jeder einzelnen Übung vorgenommen werden, da man es im Grunde genommen nicht mit einer einzelnen Übung zu tun hat, sondern mit einer fortwährenden Ausmerksamkeit auf sein inneres Seelenleben. Man muss sich jeden Tag wenigstens einmal diese innere Ruhe vor die Seele rufen und dann die Übung des Ausströmens vom Herzen vornehmen. Mit den Übungen des ersten und zweiten Monats verhalte man sich, wie mit der des ersten Monats im zweiten. 

Positivität

Im vierten Monat soll man als neue Übung die sogenannte Positivität aufnehmen. Sie besteht darin, allen Erfahrungen, Wesenheiten und Dingen gegenüber stehts das in ihnen vorhandene Gute, Vortreffliche, Schöne usw. aufzusuchen. Am besten wird diese Eigenschaft der Seele charakterisiert durch eine persische Legende über den Christus Jesus. Als dieser mit seinen Jüngern einmal einen Weg machte, sahen sie am Wegrand einen schon sehr in Verwesung übergegangenen Hund liegen. Alle Jünger wandten sich von dem hässlichen Anblick ab, nur der Christus Jesus blieb stehen, betrachtete sinnig das Tier und sagte: Welch wunderschöne Zähne hat das Tier! Wo die anderen nur das Hässliche, Unsympathische gesehen hatten, suchte er das Schöne. So muss der esoterische Schüler trachten, in einer jeglichen Erscheinung und in einem jeglichen Wesen das Positive zu suchen. Er wird alsbald bemerken, dass unter der Hülle eines Hässlichen ein verborgenes Schönes, dass unter der Hülle eines Wahnsinnigen die göttliche Seele irgendwie verborgen ist. Diese Übung hängt in etwas zusammen mit dem, was man Enthaltung von Kritik nennt. Man darf diese Sache nicht so auffassen, als ob man schwarz weiß und weiß schwarz nennen sollte. Es gibt aber einen Unterschied zwischen einer Beurteilung, die von der eigenen Persönlichkeit bloß ausgeht und Sympathie und Antipathie nach dieser eigenen Persönlichkeit beurteilt. Und es gibt einen Standpunkt, der sich liebevoll in die fremde Erscheinung oder das fremde Wesen versetzt und sich überall fragt: Wie kommt dieses Andere dazu, so zu sein oder so zu tun? Ein solcher Standpunkt kommt ganz von selbst dazu, sich mehr zu bestreben, dem Unvollkommenen zu helfen, als es bloß zu tadeln und zu kritisieren. Der Einwand, dass die Lebensverhältnisse von vielen Menschen verlangen, dass sie tadeln und richten, kann hier nicht gemacht werden. Denn dann sind diese Lebensverhältnisse eben solche, dass der Betreffende eine richtige okkulte Schulung nicht durchmachen kann. Es sind eben viele Lebensverhältnisse vorhanden, die eine solche okkulte Schulung in ausgiebigem Maß nicht möglich machen. Da sollte eben der Mensch nicht ungeduldig verlangen, trotz alledem Fortschritte zu machen, die eben nur unter gewissen Bedingungen gemacht werden können.*  Wer einen Monat hindurch sich bewusst auf das Positive in allen seinen Erfahrungen hinrichtet, der wird nach und nach bemerken, dass sich ein Gefühl in sein Inneres schleicht, wie wenn seine Haut von allen Seiten durchlässig würde und seine Seele sich weit öffnete gegenüber allerlei geheimen und subtilen Vorgängen in seiner Umgebung, die vorher seiner Aufmerksamkeit völlig entgangen waren. Gerade darum handelt es sich, die in jedem Menschen vorhandene Aufmerksamkeitslosigkeit gegenüber solchen subtilen Dingen zu bekämpfen. Hat man einmal bemerkt, dass dies beschriebene Gefühl wie eine Art Seligkeit sich in der Seele geltend macht, so versuche man dieses Gefühl in Gedanken nach dem Herzen hinzulenken und es von da in die Augen strömen zu lassen, von da hinaus in den Raum vor und um den Menschen herum. Man wird bemerken, dass man ein intimes Verhältnis zu diesem Raum dadurch erhält. Man wächst gleichsam über sich hinaus. Man lernt ein Stück seiner Umgebung noch wie etwas betrachten, das zu einem selber gehört. Es ist recht viel Konzentration zu dieser Übung notwendig und vor allen Dingen ein Anerkennen der Tatsache, dass alles Stürmische, Leidenschaftliche, Affektreiche völlig vernichtend auf die angedeutete Stimmung wirkt. Mit der Wiederholung der Übungen von den ersten Monaten hält man es wieder so, wie für frühere Monate schon angedeutet ist.

* Aber wie zum Beispiel Rudolf Steiner kann man sich natürlich dafür einsetzen, dass diese Verhältnisse geschaffen werden. Eine weitere Ergänzungswahrheit ist gewiss, dass es die okkulte Entwicklung  auch nicht  fördert, wenn man eine (unter Umständenden politische) Aufklärung mit dem entsprechenden Engagement unterlässt, wo man sie leisten könnte. Die bestimmt nicht immer leicht zu erfüllende Kunst besteht sicher darin, die dabei notwendige Kritik möglichst kunstruktiv, fair und mit Verständnis im oben gemeinten Sinne zu halten. - H-P.D.

Unvoreingenommenheit

Im fünften Monat versuche man dann in sich das Gefühl auszubliden, völlig unbefangen einer jeden neuen Erfahrung gegenüberzutreten. Was uns entgegentritt, wenn die Menschen gegenüber einem eben Gehörten und Gesehenen sagen: "Das habe ich noch nie gehört, das habe ich noch nie gesehen, das glaube ich nicht, das ist eine Täuschung", mit dieser Gesinnung muss der esoterische Schüler vollständig brechen. Er muss bereit sein, jeden Augenblick eine völlig neue Erfahrung entgegenzunehmen. Was er bisher als gesetzmäßig erkannt hat, was ihm als möglich erschienen ist, darf keine Fessel sein für die Aufnahme einer neuen Wahrheit.  Es ist zwar radikal ausgesprochen, aber durchaus richtig, dass wenn jemand zu dem esoterischen Schüler kommt und sagt: "Du, der Kirchturm der X-Kirche steht seit dieser Nacht völlig schief", so soll der Esoteriker sich eine Hintertür offen lassen für den möglichen Glauben, dass seine bisherige Kenntniss der Naturgesetze doch noch eine Erweiterung erfahren könne durch eine solche scheinbar unerhörte Tatsache. Wer im fünften Monat seine Aufmerksamkeit darauf lenkt, so gesinnt zu sein, der wird bemerken, dass sich ein Gefühl in seine Seele schleicht, als ob in jenem Raum, von dem bei der Übung im vierten Monat gesprochen wurde, etwas lebendig würde, als ob sich darin etwas regte. Dieses Gefühl ist außerordentlich fein und subtil. Man muss versuchen, dieses subtile Vibrieren in der Umgebung aufmerksam zu erfassen und es gleichzeitig einströmen zu lassen durch alle fünf Sinne, namentlich durch Auge, Ohr und durch die Haut, insofern diese letztere den Wärmesinn enthält. Weniger Aufmerksamkeit verwende man auf dieser Stufe der esoterischen Entwicklung auf die Eindrücke jener Regungen in den niederen Sinnen, des Geschmacks, Geruchs und des Tastens. Es ist auf dieser Stufe noch nicht gut möglich, die zahlreichen schlechten Einflüsse, die sich unter die auch vorhandenen guten dieses Gebiets einmischen, von diesen zu unterscheiden; daher überlässt der Schüler diese Sache einer späteren Stufe.

Zusammenklang

Im sechsten Monat soll man dann versuchen, systematisch in einer regelmäßigen Abwechslung alle fünf Übungen immer wieder und wieder vorzunehmen. Es bildet sich dadurch allmählich ein schönes Gleichgewicht der Seele heraus. Man wird namentlich bemerken, dass etwa vorhandene Unzufriedenheiten mit Erscheinung und Wesen der Welt vollständig verschwinden. Eine allen Erlebnissen versöhnliche Stimmung bemächtigt sich der Seele, die keineswegs Gleichgültigkeit ist, sondern im Gegenteil erst befähigt, tatsächlich bessernd und fortschrittlich in der Welt zu arbeiten. Ein ruhiges Verständnis von Dingen eröffnet sich, die früher der Seele völlig verschlossen waren. Selbst Gang und Gebärde des Menschen ändern sich unter dem Einfluss solcher Übungen, und kann der Mensch gar eines Tages bemerken, dass seine Handschrift einen anderen Charakter angenommen hat, dann darf er sich sagen, dass er eine erste Sprosse auf dem Pfad aufwärts eben im Begriffe zu erreichen ist. Noch einmal muss zweierlei eingeschärft werden:

Erstens, dass die besprochenen sechs Übungen den schädlichen Einfluss, den andere okkulte Übungen haben können, paralysieren, so dass nur das Günstige vorhanden bleibt. Und zweitens, dass sie den positiven Erfolg der Meditations- und Konzentrationsarbeit eigentlich alleine sichern. Selbst die bloße noch so gewissenhafte Erfüllung landläufiger Moral genügt für den Esoteriker noch nicht, denn diese Moral kann sehr egoistisch sein, wenn sich der Mensch sagt: "Ich will gut sein, damit ich für gut befunden werde." - Der Esoteriker tut das Gute nicht, weil er für gut befunden werden soll, sondern weil er nach und nach erkennt, dass das Gute allein die Evolution vorwärts bringt, das Böse dagegen und das Unkluge und das Hässliche dieser Evolution Hindernisse in den Weg legen.

Aus "Anweisungen für eine esoterische Schulung" (GA 245). Dieser Band wird nicht mehr aufgelegt, weil er inhaltlich wesentlich erweitert in die Bände GA 267 und GA 268 sowie mit einem Beitrag in die Neuauflage von GA 264 eingegangen ist.

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Text 2

Die Grundübungen des anthroposophischen Schulungsweges finden eine wichtige Ergänzung in der Aufmerksamkeit, die für acht Seelenvorgänge empfohlen wird, um sie höher zu entwickeln. Damit erreicht man eine weitere Fundierung der okkulten Schulung, aber wie die Grundübungen haben sie zugleich unabhängig von ihr einen großen Lebenswert: für die Selbstentwicklung, im Sozialen, für den Beruf usw.  Außerdem trägt die Entwicklung der acht Seelenvorgänge nach Rudolf Steiners "Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?" zur Ausbildung des Kehlkopf-Chakras bei. Es ermöglicht nach ihm zum Beispiel ein hellseherisches Durchschauen der Gedankenart von Menschen und Geistwesen  sowie  tiefere Einblicke in die wahren Gesetze von Naturerscheinungen, während das Herz-Chakra unter anderem eine hellseherische Erkenntnis der Gesinnungsart anderer Seelen und von tieferen Kräften bei Tieren und Pflanzen eröffnet. Das Buch enthält auch Erklärungen und Anleitungen zur Entwicklung von anderen Chakras.

Die Arbeit an den acht Seelenvorgängen steht in enger Verwandtschaft zum buddhistischen Achtgliedrigen Pfad, der von Rudolf Steiner aus seiner okkulten Forschung für unsere Zeit neu verfasst wurde. Der Buddha wollte mit seinem Achtgliedrigen Pfad eine Hilfe zur Befreiung von un- und halbbewusst wirkenden Einflüssen bei der Erkenntnisbildung und ihren Konsequenzen für das Leben vermitteln, die nicht zuletzt aus vergangenen Inkarnationen herrühren. Dieses Ziel gehört zu den Übereinstimmungen von Buddhismus und Anthroposophie, aus der heraus man es allerdings nicht wie im frühen Buddhismus zum Beenden des "Rades der Wiedergeburten" einsetzt, sondern um die Entwicklungsmöglichkeiten auf der Erde für sich und die Mitmenschen besser auszuschöpfen. Im späteren Buddhismus gibt es zum Teil ähnliche Tendenzen: Die Nirvana-Verfassung (unter anderem: die vollständige Befreiung von Verblendung, Gier und Hass) lässt sich eben auch auf der Erde leben, um dort allen Wesen zur Erleuchtung zu verhelfen. Man verzichtet auf den Eintritt in das absolute Nirvana*, bis alle anderen Wesen ihn erlangt haben. In der Anthroposophie wird die Nirvana-Verfassung nicht nur unter dem Gesichtspunkt der Befreiung, sondern stark auch mit einem Blick auf ihre schöpferischen Möglichkeiten geschätzt. So heißt es bei Rudolf Steiner in "Grundelemente der Esoterik" (Vortrag vom 11.10.1905): "Und nun denken Sie sich einen Menschen, der zunächst durch Karma bestimmt wird; durch Handlungen, Gedanken, Gefühle aus der Vergangenheit. Man denke sich ihn dann so weit vorgeschritten, dass er alles Karma ausgelöscht hat, also dem Nichts gegenübersteht. Wenn er dann noch handelt, sagt man im Okkultismus: Er handelt aus dem Nirvana heraus. - Aus dem Nirvana heraus erfolgten zum Beispiel die Handlungen eines Buddha, eines Christus, wenigstens zum Teil. Der gewöhnliche Mensch nähert sich dem nur dann, wenn er künstlerisch, religiös oder weltgeschichtlich inspiriert wird." - Das Arbeiten an den acht Seelenvorgängen (wie auch an den Grundübungen) fordert zur Achtsamkeit heraus, dem Kern des Buddhismus. Gleichwohl lohnt es sich nach meiner Erfahrung, Achtsamkeit von vorherein zur Grundübung schlechthin zu machen.

Bei Rudolf Steiners Fassung des Achtgliedrigen Pfades ist es hilfreich zu beachten, dass er sie im Rahmen des anthroposophischen Schulungsweges gegeben hat, weshalb in ihr Hinweise auf das Studium der Anthroposophie und zum Beispiel auf  Meditationsübungen fehlen können. Von allen buddhistischen Schulen wird der Achtgliedrige Pfad mit Erläuterungen aus der buddhistischen Lehre und zur "Richtigen Beschaulichkeit" oder sogar  zu mehreren seiner -nicht aufeinander folgenden, sondern miteinander verschränkten - Glieder außerdem mit Anleitungen zum Meditieren versehen.

Auch Rudolf Steiners Neufassung des Achtgliedrigen Pfades in "Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?" füge ich (in der Schreibweise der Ausgabe von 1990) zur leichteren Übersicht die Bezeichnungen der Übungen ein.

Der Achtgliedrige Pfad in der Neufassung von Rudolf Steiner

Der Mensch muß auf gewisse Seelenvorgänge Aufmerksamkeit und Sorgfalt  verwenden, die er gewöhnlich sorglos und unaufmerksam ausführt. Es gibt acht solcher Vorgänge.

Das richtige Denken oder die richtige Meinung

Der erste ist die Art und Weise, wie man sich Vorstellungen aneignet. Gewöhnlich überläßt sich in dieser Beziehung der Mensch ganz dem Zufall. Er hört dies und das, sieht das eine und das andere und bildet sich danach seine Begriffe. Solange er so verfährt, bleibt seine sechzehnblätterige Lotusblume (das Kehlkopf-Chakra - H-P.D.) ganz unwirksam. Erst wenn er seine Selbsterziehung nach dieser Richtung in die Hand nimmt, beginnt sie wirksam zu werden. Er muß zu diesem Zweck auf seine Vorstellungen achten. Eine jede Vorstellung soll für ihn Bedeutung gewinnen. Er soll in ihr eine bestimmte Botschaft, eine Kunde über die Dinge der Außenwelt sehen. Und er soll nicht befriedigt sein von Vorstellungen, die nicht eine solche Bedeutung haben. Er soll sein ganzes Begriffsleben so lenken, daß es ein treuer Spiegel der Außenwelt wird. Sein Streben soll dahin gehen, unrichtige Vorstellungen aus seiner Seele zu entfernen.

Das richtige Urteil oder der richtige Entschluß

Der zweite Seelenvorgang betrifft in einer ähnlichen Richtung die Entschlüsse des Menschen. Er soll nur aus gegründeter, voller Überlegung selbst zu dem Unbedeutensten sich entschließen. Alles gedankenlose Handeln, alles bedeutungslose Tun soll er von seiner Seele fernhalten. Zu allem soll er wohlerwogene Gründe haben. Und er soll unterlassen, wozu kein bedeutsamer Grund drängt.

Das richtige Reden

Der dritte Vorgang bezieht sich auf das Reden. Nur was Sinn und Bedeutung hat, soll von den Lippen des Geheimschülers (des nach okkulten  Erkenntnissen  Strebenden: okkult = verborgen, geheim - H-P.D.) kommen. Alles Reden um des Redens willen bringt ihn von seinem Weg ab. Die gewöhnliche Art der Unterhaltung, wo wahllos und bunt alles durcheinander geredet wird, soll der Geheimschüler vermeiden. Dabei soll er sich nicht etwa ausschließen von dem Verkehr mit seinen Mitmenschen. Gerade im Verkehr soll sein Reden sich zur Bedeutsamkeit entwickeln. Er steht jedem Rede und Antwort, aber er tut es gedankenvoll, nach jeder Richtung überlegt. Niemals redet er unbegründet. Er versucht nicht zuviel und nicht zuwenig Worte zu machen.

Das richtige Handeln

Der vierte Seelenvorgang ist die Regelung des äußeren Handelns. Der Geheimschüler versucht sein Handeln so einzurichten, daß es zu den Handlungen seiner Mitmenschen und zu den Vorgängen seiner Umgebung stimmt. Er unterläßt Handlungen, welche für andere störend sind oder die im Widerspruch stehen mit dem, was um ihn herum vorgeht. Er sucht sein Tun so einzurichten, daß es sich harmonisch eingliedert in seine Umgebung, in seine Lebenslage und so weiter. Wo er durch etwas anderes veranlaßt wird zu handeln, da beobachtet er sorgfältig, wie er der Veranlassung am besten entsprechen könnte. Wo er aus sich heraus handelt, da erwägt er die Wirkungen seiner Handlungsweise auf das deutlichste.

Der richtige Standpunkt oder die richtige Einrichtung des Lebens

Das fünfte, was hier in Betracht kommt, liegt in der Einrichtung des ganzen Lebens. Der Geheimschüler versucht natur- und geistgemäß zu leben. Er überhastet nichts und ist nicht träge. Übergeschäftigkeit und Lässigkeit liegen ihm gleich ferne. Er sieht das Leben als ein Mittel der Arbeit an und richtet sich dementsprechend ein. Gesundheitspflege, Gewohnheiten und so weiter richtet er so für sich ein, daß ein harmonisches Leben die Folge ist.

Das richtige Streben

Das sechste betrifft das menschliche Streben. Der Geheimschüler prüft seine Fähigkeiten, sein Können und verhält sich im Sinne solcher Selbsterkenntnis. Er versucht nichts zu tun, was außerhalb seiner Kräfte liegt; aber auch nichts zu unterlassen, was innerhalb derselben sich befindet. Andererseits stellt er sich Ziele, die mit den Idealen, mit den großen Pflichten eines Menschen zusammenhängen. Er fügt sich nicht bloß gedankenlos als ein Rad ein in das Menschentriebwerk, sondern er sucht seine Aufgaben zu begreifen, über das Alltägliche hinauszublicken. Er strebt danach, seine Obliegenheiten immer besser und vollkommener zu machen.

Die richtige Erinnerung

Das siebente in seinem Seelenleben betrifft das Streben, möglichst viel vom Leben zu lernen. Nichts geht an dem Geheimschüler vorbei, was ihm nicht Anlaß gibt, Erfahrung zu sammeln, die ihm nützlich ist  für das Leben. Hat er etwas unrichtig und unvollkommen verrichtet, so wird das ein Anlaß, ähnliches später richtig oder vollkommen zu machen. Sieht er andere handeln, so beobachtet er sie zu einem ähnlichen Ziele. Er versucht, sich einen reichen Schatz von Erfahrungen zu sammeln und ihn stehts sorgfältig zu Rate zu ziehen. Und er tut nichts, ohne auf die Erlebnisse zurückzublicken, die ihm eine Hilfe sein können bei seinen Entschlüssen und Verrichtungen.

Die richtige Beschaulichkeit

Das achte endlich ist: der Geheimschüler muß von Zeit zu Zeit Blicke in sein Inneres tun; er muß sich in sich selbst versenken, sorgsam mit sich zu Rate gehen, seine Lebensgrundsätze bilden und prüfen, seine Kenntnisse in Gedanken durchlaufen, seine Pflichten erwägen, über den Inhalt und Zweck des Lebens nachdenken und so weiter.

Alle diese Dinge sind ja in den vorhergehenden Abschnitten schon besprochen worden. Hier werden sie nur aufgezählt im Hinblick auf die Entwicklung der sechzehnblätterigen Lotusblume. Durch ihre Übung wird diese immer vollkommener und vollkommener. Denn von solchen Übungen hängt die Ausbildung der Hellsehergabe ab. Je mehr zum Beispiel dasjenige, was ein Mensch denkt und redet, mit den Vorgängen in der Außenwelt zusammenstimmt, desto schneller entwickelt sich diese Gabe. Wer Unwahres denkt oder redet, tötet etwas in dem Keim der sechzehnblätterigen Lotusblume. Wahrhaftigkeit, Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit sind in dieser Beziehung aufbauende, Lügenhaftigkeit, Falschheit, Unredlichkeit sind zerstörende Kräfte. Und der Geheimschüler muß wissen, daß es hierbei nicht allein auf die "gute Absicht", sondern auf die wirkliche Tat ankommt. Denke und sage ich etwas, was mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmt, so zerstöre ich etwas in meinem geistigen Sinnesorgan, auch wenn ich dabei eine noch so gute Absicht zu haben glaube. Es ist wie mit dem Kind, das sich verbrennt, wenn es ins Feuer greift, auch wenn dies aus Unwissenheit geschieht. - Die Einrichtung der besprochenen Seelenvorgänge in der charakterisierten Richtung läßt die sechzehnblätterige Lotusblume in herrlichen Farben erstrahlen und gibt ihr eine gesetzmäßige Bewegung. - Doch dabei ist zu beachten, daß die gekennzeichnete Hellsehergabe nicht früher auftreten kann, als ein bestimmter Grad von Ausbildung der Seele erlangt ist. Solange es noch Mühe macht, das Leben in dieser Richtung zu führen, so lange zeigt sich diese Gabe nicht. Solange man auf die geschilderten Vorgänge noch besonders achten muß, ist man nicht reif. Erst wenn man es so weit gebracht hat, daß man in der angebenen Art lebt, wie es der Mensch sonst gewohnheitsmäßig tut, dann zeigen sich die ersten Spuren des Hellsehens. Die Dinge dürfen nicht mehr mühevoll sein, sondern müssen selbstverständliche Lebensart geworden sein. Man darf nicht nötig haben, sich fortlaufend zu beobachten, sich anzutreiben, daß man so lebe.

* Mit Nirvana kann man auf die Verfassung eines Menschen,  aber auch  auf  ein Weltgebiet hinweisen. In beiden Fällen besteht die Schwierigkeit, dass es an sich weder  beschreibbar noch erklärbar ist. Deshalb deutete der Buddha oft durch Negationen auf das Nirvana hin. In Udana 8,1 sprach er vom Nirvana als einem  Weltgebiet: "Es existiert, ihr Mönche, jenes Gebiet, in dem es weder Erde noch Wasser noch Feuer noch Luft gibt, noch das Gebiet des grenzenlosen Raumes, noch das Gebiet des grenzenlosen Bewusstseins, noch das Gebiet der Nirgendetwasheit, noch das Gebiet der Weder-Wahrnehmung-noch-Nichtwahrnehmung, nicht diese Welt noch eine andere Welt (das Nirvana darf nicht mit einem himmlischen Jenseits verwechselt werden - H-P.D.), nicht beides, Mond und Sonne. Dieses nenne ich weder Kommen noch Gehen noch Entstehen, was nicht selber wieder auf einer Grundlage ruht (also keine Ursache hat - H-P.D.), nicht im Flusse ist, keinen Unterschied kennt: eben das, eben dieses ist das Ende des Leidens."