Die anthroposophische Meditation
Allgemeine Merkmale und ihre persönliche Verwirklichung
1. Die Meditation im Zentrum eines umfassenden Übungssystems
Die Meditation steht im Zentrum des anthroposophischen Schulungsweges zur Erlangung von Erkenntnissen der übersinnlichen Welten und deren Beziehungen zur physischen Welt. Sie ist in ein umfassendes Übungssystem gebettet, das sie vorbereitet und begleitet.
Zur Einstimmung auf das höhere Erkennen nennt Rudolf Steiner (der Begründer der Anthroposophie) grundlegend die Entwicklung oder Weiterentwicklung von Verehrungskräften und von innerer Ruhe. Warum? Die Antwort auf diese Frage ist wichtig, weil auf dem anthroposophischen Schulungsweg nur Schritte unternommen werden sollen, über die eine Aufklärung gegeben worden ist. Denn ohne über den Sinn und die Wirkungen der empfohlenen Übungen Bescheid zu wissen, kann man sich nicht frei entscheiden, ob man sie praktizieren möchte. Außerdem soll man auf Erfahrungen vorbereitet sein, um sich in ihnen orientieren zu können. Die Steigerung von Wachsamkeit und damit von innerer Freiheit (Freiheit von un- und halbbewussten Antriebskräften, Freiheit zur bewussten Selbstbestimmung) ist ein Zentralsinn aller Übungen der Schulung, die allerdings nicht nur auf die Selbstentwicklung zum eigenen persönlichen Fortschritt zielt, sondern zugleich auf eine Selbstentwicklung, bei der das Verständnis für die Mitmenschen und letztlich alle anderen Wesen unserer mehrdimensionalen Welt eine Erweiterung erfährt. So wird über die Entfaltung von Verehrungskräften einerseits das Erkennen gefördert, denn das Verehren öffnet es für feinere Wahrnehmungen und vertiefte Einsichten, andererseits steigert man über das Verehren die Achtung und Hilfsbereitschaft gegenüber jedem Kontakt. Man weiß sich über die Verehrungskräfte verstärkt mit allem Leben verbunden, was zugleich die Bereitschaft zum Einsatz für seinen Schutz fördert. Was verehrungswürdig ist, entscheidet man durch das fortgesetze Üben immer besser selbst, wobei sich neben dem Verehrungswürdigen in Menschen und im Göttlichen nach und nach mehr die Verehrung von (gegebenenfalls unkonventioneller) Erkenntnis und Moral herauskristallisiert. Was man davon besonders liebt, erhebt man zu Idealen und schafft sich damit Kräfte für sein Streben. Die innere Ruhe wird allmählich ausgebildet, indem man vor dem Einschlafen den verflossenen Tagesverlauf in umgekehrter Richtung noch einmal bildlich und mit allen seinen seelischen Erlebnissen rückhaltlos ehrlich Revue passieren lässt, wobei man sich mit Abstand (wie einen Fremden) zu betrachten versucht und aus der so gewonnenen Übersicht das Wesentliche vom Unwesentlichen unterscheiden lernt. Während des Tages ist man ja oft ganz natürlich mit seinen Reaktionen auf Erlebnisse identifiziert, doch nur insoweit man sich auch mal aus diesen Identifikationen zu lösen vermag, gewinnt man Raum für neue Sichtweisen, Gefühle und Handlungen, die sich mehr auf das Wesentliche oder Wesensgemäße in und um einen konzentrieren. Die Erweckung und Entwicklung des höheren Menschen in sich geschieht außerdem durch die Grundübungen Gedankenkontrolle, Willensinitiative, Gleichmut, Positivität, Unvoreingenommenheit und deren Zusammenklang, auf die noch eingegangen werden soll. Alle diese Übungen werden empfohlen, um mit den Wirkungen des Meditierens gefestigt umgehen zu können. Sie unterstützen die dafür schon während des Meditierens gebildeten Fähigkeiten, die umgekehrt allerdings auch die Begleitübungen fördern.
Denn so richtig es ist, dass man erst durch das Meditieren sein höheres Ich voll ins Bewusstsein bringen und am wirksamsten weiter entwickeln kann, weil man sich dafür in die übersinnlichen Welten erheben muss, aus denen man dann wertvolle Inspirationen und Kraft für sein ganzes Leben gewinnt, so richtig ist es zugleich, dass durch das fortgesetzte Meditieren die eigenen Schattenseiten viel ungeschminkter als bisher hervortreten und nach und nach eine Steigerung der Wahrnehmungsfähigkeit erfolgt, die nicht zur Überempfindlichkeit werden darf. Mit den großartigen neuen Möglichkeiten enstehen also Herausforderungen, die es zu meistern gilt, wovon die entscheidende bestimmt die Verwandlung der eigenen Schattenkräfte ist. Nach meinem Überblick geht es anderen Menschen nämlich wie mir: mein Ego will nicht immer, wozu mein Erkennen rät. Viele haben sich deshalb dafür entschieden, dass es ein zutreffendes Erkennen gar nicht gibt.
Dieser Überblick bezieht sich vor allem auf Rudolf Steiners Hauptschulungsbuch "Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?", das die genannten und weiterführende Übungen viel umfassender und im Zusammenhang mit übersinnlichen Tatsachen beschreibt. In anderen seiner Bücher und Vorträge finden sich viele ergänzende Gesichtspunkte zum Schulungsweg. Mir von Zeit zu Zeit einen solchen Überblick zu verschaffen, hat sich für mein Üben immer als hilfreich und selbst schon als ein Üben erwiesen. Denn jeder Überblick macht die Anforderungen deutlich, die sich für eine ausgewogene spirituelle Entwicklung ergeben, unabhängig von persönlichen Vorlieben. So manches Mal wurde mir dabei erst bewusst, warum ich in ein Stocken oder eine gewisse Schieflage gekommen bin und wo ich mich besser korrigieren sollte. Bei aller Orientierung auf die Übungsnotwendigkeiten zeigt mir meine Erfahrung jedoch zugleich, dass jedes Üben das volle persönliche Engagement und einen persönlichen Übungsstil braucht. Wenn ich übe, übe ich mit ganzer Kraft und Hingabe, das ist das Ideal. Dann steht das Üben nach meiner Erfahrung in der Freude, bei aller Betroffenheit, die beim Üben zum Beispiel durch Einsicht in selbst geschaffene Hindernisse leidvoll auftreten kann - und führt weiter. Und die allgemeinen Durchführungsanforderungen erfülle ich am besten auf meine Weise; sie bieten diesen Spielraum, der sich gut experimentell erkunden lässt.
2. Allgemeine Merkmale der Mediation
Die anthroposophische Meditation knüpft an das Denken des heutigen Menschen an, dem klarsten Pol seines Bewusstseins, um es zu einem lebendig beweglichen, mehr intuitiven (nicht nur schlussfolgernden) und schöpferischen Denken weiter zu entwickeln, über das man fähig ist, die volle Wirklichkeit zu verstehen und sinnvoll zu gestalten, anstatt sie auf ihre materielle Ebene zu reduzieren. Außerdem ermöglicht dieses Denken einen durchschaubaren Verlauf des Meditierens und damit die Souveränität des Ich, die bei jedem Schritt des Schulungsweges hergestellt werden soll, was über die oft eher unwillkürlich auftretenden Gefühle und Willensimpulse nicht möglich ist. Absichtlich können wir sie zunächst meistens nur durch das Denken hervorrufen, das in unserer bewusst gewollten Initiative liegt und aus sich heraus verstanden wird, während wir über unsere persönlichen Gefühle und Willensimpulse Aufklärung durch das Denken erhalten. Diese Aussagen sind eine Anregung zur Selbstbeobachtung, durch die sie sich überprüfen lassen. Später können auch das Fühlen und Wollen - über ihr erstes Mitschwingen hinaus - und die Entwicklung übersinnlicher Wahrnehmungsorgane (unter anderem die Chakras) gezielt mit einbezogen werden. Dabei werden das Fühlen und Wollen geläutert und außerdem in erkennende Fähigkeiten verwandelt, die sehr hohe Entwicklungsmöglichkeiten beinhalten. Andererseits gibt es bei vielen Menschen schon Ansätze zu einem erkennenden Fühlen, auf das zu achten nach meiner Erfahrung ratsam ist. Um die Anlagen der höheren Wahrnehmungsorgane richtig auszubilden, braucht es neben einem auf sie abgestimmten meditativen Denken, Fühlen und Wollen allerdings noch ebenfalls auf sie abgestimmte Übungsfolgen, die Eigenschaften und Fähigkeiten entwickeln, welche die durch das Meditieren geweckten Wahrnehmungsorgane in ihre gesunde Form bringen. Ohne diese umfassende Ausbildung käme man nur zu einem eingeschränkten oder sogar verzerrten übersinnlichen Wahrnehmen. Die Eigenschaften und Fähigkeiten für das Herzchakra sind die bereits aufgezählten: Gedankenkontrolle, Willensinitiative, Gleichmut, Positivität, Unvor= eingenommenheit und deren Zusammenklang, um auch diese Aufgabe der Grundübungen zu nennen. Ihre Ausbildung erweist sich zunächst aber vor allem als hilfreich für die Entwicklung des elementaren meditativen Denkens, Fühlens und Wollens. Denn wenn man sich in ihnen übt, macht man sich ja sein Denken, Fühlen und Wollen bewusster als gewöhnlich und bemüht sich zugleich darum, sie in eine reifere Verfassung zu bringen.
Doch während ich bei den Grundübungen bestenfalls zu Momentmeditationen komme, etwa wenn ich mich ganz mit der hervorgerufenen Positivität verbinde, so dass ich kurz zur Positivität geworden bin, bietet mir das Meditieren viel leichter Gelegenheit, solche Momente auszudehnen. Bis auf die Gedankenkontrolle (gezielt für etwa zehn Minuten zu einem Thema) führe ich die Grundübungen eben meistens im Alltag durch, der ihr Hauptübungsfeld ist, während ich vom Alltag abgesondert in einem ruhigen Raum meditiere. Mein Alltag im Beruf oder privat verlangt ja eine oft schnell wechselnde Aufmerksamkeit, weshalb ich sie in ihm viel schwerer als beim Meditieren andauernd auf nur ein Objekt sammeln oder beim ständigen Wechseln genügend meditativ halten kann.
Sowohl die Grundübungen als auch das Meditieren kann man ohne eine erhöhte Ich-Aktivität nicht durchführen, denn die mit den Übungen angestrebten Verfassungen sind nicht einfach gegeben, sondern müssen erzeugt werden. Während ich sie praktiziere, fühle ich mich nicht nur wachsamer, sondern zugleich als "Kraftheit" (um einen Ausdruck Rudolf Steiners zu verwenden), denn ich habe mein Denken, Fühlen und Wollen nun verstärkt in Bewegung gebracht, was auch mein Wahrnehmen fördert. Vor allem aber erfahre ich mich durch meine erhöhte innere Aktivität mehr als gegenwärtiges Ich präsent und bestimme meine Verfassung von unwillkürlichen Antriebskräften sowie Umwelteinflüssen unabhängiger als außerhalb meiner Übungszeiten. Georg Kühlewinds Meditationsthema "Ich kann Denken, Fühlen, Wollen erfahren - und mich selbst" ist mir so erlebter verstehbar geworden, wenngleich längst noch nicht erfüllt. "Und mich selbst" weist auf das vom Denken, Fühlen und Wollen verschiedene wahre Ich hin, aus dem man sie frei betätigen kann.
Meditieren bedeutet immer, sich in eine geistige Verfassung zu versetzen, auch dann, wenn man eine Sinneswahrnehmung zum Meditationsthema wählt. Dank der geistigen Verfassung beginnt sich nun etwas vom Wesen des Meditationsthemas zu erschließen, denn nur Geist kann Geist erkennen. Und noch einmal will ich hervorheben: man kann nur konzentriert meditieren, wobei eine genügend hohe Konzentration in Kontemplation übergeht. Man vereinigt sich geistig mit seinem Thema, wofür man durch das anthroposophische Meditieren und seine Begleitübungen nicht nur offener, sondern zugleich so gestärkt ist, dass man als Ich ohne eine Distanz (im Gegensatz zu sonst) souverän bleiben kann. Das meditierende Ich ist eben ein anderes als das des Alltags, das einen Teil der Subjekt-/Objekt-Dualität bildet. Dem meditierenden Ich beginnt sich also etwas vom Wesen seines Meditationsthemas - sei es ein Satz oder Spruch, ein Symbol oder eine Sinneswahrnehmung - zu enthüllen. Dabei verstehe ich unter Wesen zunächst vor allem die erlebte Idee eines Themas oder dessen Bedeutung in neuen Bildern, wobei etwas von der Bedeutung allmählich allerdings auch als Gefühl und Wille und schließlich als fremder Ich-Ausdruck aufgehen kann. Diese Meditationsverfassungen lassen sich später in das volle imaginative, inspirative und intuitive Erkennen im Sinne Rudolf Steiners weiter entwickeln, was nur zum Überblick erwähnt werden soll. Aus eigener Erfahrung kann ich nur bis in die Anfänge des imaginativen Bewusstseins berichten. Die Imagination wird von Rudolf Steiner (vergleichsweise) als geistiges Schauen, die Inspiration (vergleichsweise) als geistiges Hören und die zunächst höchste Stufe des anthroposophischen Schulungsweges, die Intution, als unmittelbare (nicht mehr durch "Bilder" und "Töne" vermittelte) Vereinigung mit einem fremden Ich im eigenen Ich beschrieben. Dabei kann es sich um das Ich von Menschen oder das von reinen Geistwesen handeln. Jedem höheren Wahrnehmen entspricht ein höheres Verstehen. Intuition als Stufe des anthroposophischen Schulungsweges bedeutet also mehr als die Ideenintuitionen des lebendigen Denkens, das aber schon mit der übersinnlichen Welt verbindet. "Denkend empfinde ich mich eins mit dem Strom des Weltgeschehens" ist ein fundamentaler Meditationssatz von Rudolf Steiner, der auf das Erleben des gemeinten Denkens hindeutet. In diesem Denken denkt das Weltendenken mit, der Weisheitsaspekt der konstituierenden Schöpfermächte, von dem wir eine Reihe Natur- und Geistgesetze bereits kennen.
Die übersinnliche Welt spielt aber auch in jedes andere aktive Meditationsgeschehen hinein. Denn während man sich durch sein meditatives Schaffen geistig neu bildet und dabei aus seinem Alltagsbewusstsein löst, gleicht man sich dem Übersinnlichen an und ist deshalb für es geöffnet. Zum Vergleich habe ich bloß konzentrierte Empfangshaltungen hergestellt, in denen sich zum Beispiel deutlich weniger erhellende Gedanken als Geschenke aus der geistigen Welt erschlossen, dafür jedoch viele persönliche Vorstellungen, Gefühle und Willensregungen, die eher Tagesassoziationen oder Traumeindrücken gleichen. Dank meiner hergestellten Aufmerksamkeit konnte ich allerdings wertvolle Selbsterkenntnisse zu ihnen gewinnen. Wenn ich hingegen aus einer aktiven Meditationsphase in eine reine Empfangshaltung übergehe, fühle ich, dass von mir etwas wie eine geistige Schale gebildet wurde, die Impulse aus dem bloß Persönlichen fern hält und mich zugleich auf höhere Wahrnehmungen ausrichtet. Als Erkennender bin ich dabei in Bereitschaft. Doch es ist interessant, dass die etwa gleiche Qualität bewusst geschaffener Verfassungen keineswegs ein gleich starkes Zufließen aus der übersinnlichen Welt garantiert. Hängt dieser Zufluss außerdem von der aktuellen Gesamtverfassung ab, die immer noch im Hintergrund wirkt? Als Meditierender habe ich mich zwar aus ihr erhoben, doch manchmal fühle ich mich dann von einer übersinnlichen Präsenz nur angeschaut. Und manchmal warte ich lediglich, ohne dass sich etwas regt. Es ist, als würde in der geistigen Welt mit entschieden, ob ich etwas empfangen darf. Bin ich genügend erwürdigt? Gewöhnlich stellen sich jedoch Eindrücke ein, die entweder in Korrespondenz mit meinem Meditationsthema stehen oder mir Selbsterkenntnisse vermitteln.
3. Wie komme ich am besten ins Meditieren?
Diese Frage ist bewusst auf mich bezogen formuliert, denn es gibt zwar die genannten allgemeinen Merkmale der anthroposophischen Meditation (für weitere höhere muss ich vor allem auf Rudolf Steiner verweisen), doch wie sie am besten verwirklicht werden, ist mehr in einen persönlichen Stil gestellt. Wertvolle Anregungen verdanke ich besonders Rudolf Steiner und Georg Kühlewind. Einige von mir Erprobte bilden neben meinen Versuchen den Boden für diese Auswertung.
Wie ich am besten ins Meditieren komme, will ich an dem Meditationssatz "Die Weisheit lebt im Licht" von Rudolf Steiner darstellen, der mir eine Zeit lang wichtig war. Dass er mir wichtig war, bündelte mein Interesse auf ihn und erleichterte so meine Konzentration, was mir zeigte, wie hilfreich es ist, mein Interesse bewusst einzusetzen. Ablenkungen vom Thema entstehen ja besonders dadurch, dass das Interesse von ihm abschweift und zwar oft unwillkürlich: was bedeutet mir dann nicht alles mehr als das Meditieren, auch wenn ich es mit einem anderen Teil meines Wesens noch will! Andererseits weist jedes Abschweifen auf einen Mangel an Konzentrationskraft, über die man Ablenkungen beiseite lassen könnte, was mir gewöhnlich gut gelingt. Doch wenn sich eine starke Konzentration ständig als Zuchtmeister betätigen muss, läuft etwas schief. Das spaltet den Meditierenden, wo er sich besser mit voller Motivation einbringen würde. In schönster Form ist sie beim Meditieren ganz dem Thema um des Themas willen hingegeben - und damit aus dem bloß persönlichen Interesse gelöst. Diese Konzentration entsteht nicht allein aus Konzentrationskraft, sondern vor allem aus Liebe, die später jedem Thema geschenkt werden kann. Zum Erüben weiterer Steigerungen meiner Konzentration gehört deshalb nicht nur das willentliche Bündeln von Aufmerksamkeit, sondern besonders die Läuterung meines Interesses.
Meine Meditationen gliedern sich in drei Hauptphasen:
a) Loslassen
Trotz meines Interesses für die gewählten Meditationsthemen, erlebe ich immer mal wieder Zeiten, in denen es hilfreich für mich ist, als Einleitung zum Meditieren von allem loszulassen, was mich aktuell bewegt. Ich übergehe diese Phase, wenn mich vom Tag her nichts stark beschäftigt und beginne mich sofort auf mein Thema zu konzentrieren. Wie ein nach hinten fließender Strom ziehen dann manchmal noch Tagesrestbeziehungen von mir fort, um bald ganz meiner Hinwendung zu weichen. Doch das gelingt mir eben nicht immer. Wenn mich etwas aktuell stark bewegt, schlage ich deshalb den umgekehrten Weg ein und schaue zunächst an, was mich so beschäftigt hält: gewollt erfühlt, wodurch ich ihm sein Bedrängen nehme und schon ein erstes Loslassen eingeleitet ist. Dabei gewinne ich einen klareren Überblick. Meine Gefühle sind nun sicht- und durchschaubarer und oft schon zu Gefühlsgedanken und Bildern geworden. Wenn nicht, helfe ich nach, denn in diesen Formen kann ich sie gut handhaben. Jetzt stelle ich mir vor, wie sie von mir abfallen, was angenehm entspannend wirkt - und in bewegten Verfassungen doch oft nur ein vorübergehender Abschied ist. Denn wie leicht mischen sich Aspekte solcher mit Gefühlen geladenen Gedanken und Bilder wieder in das Meditieren, nun allerdings meistens abgeschwächter, weshalb ich jetzt "durch sie hindurch" üben kann. Jedes Zulassen wäre in dieser Phase nur noch eine Ablenkung, genauso wie jeder Widerstand, dessen Energie dann meiner Konzentration auf das Thema fehlen würde.
b) Meine Verbindung mit dem Thema: dessen Aufbau und die Konzentration auf seine Inhalte
Wenn ich mich durch wiederholtes Meditieren eines Themas auf das Thema bereits eingestimmt habe, genügt ein kurzes "Antippen" seiner Satzform, um mich erneut mit dem Satzinhalt zu verbinden. Mein Aufbau des Themas erfolgt so von Meditation zu Meditation, dessen Anfang ein spontanes Verstehen bildete. Jedes Mal achte ich aber darauf, dass alle Erinnerungsgedanken sofort in ein aktuelles Denken verwandelt werden, nicht nur um mir weitere Bedeutungen zu erschließen, sondern vor allem um eine Gegenwärtigkeit herzustellen, ohne die kein Meditieren stattfindet. Dafür muss das Denken so sehr intensiviert werden, dass es mit den Denkinhalten zugleich als Denktätigkeit oder Denkwille bewusst wird, denn wenn nur die Denkinhalte bemerkt werden, nimmt man lediglich die Ergebnise seiner Denkprozesse zur Kenntnis, deren Vergangenheitsformen, die für sich (ohne mit ihnen verbundene Gefühle und Willensimpulse) immer bloß blasse intellektuelle Gedanken bleiben. Denkbewegungen hingegen können nur in der Gegenwart vollzogen werden, in diesem Moment von Moment zu Moment, wobei sie sich als voller Lebendigkeit erweisen. Ich erfahre jetzt, dass ich mich von dem an mein Gehirn gebundenen Denken gelöst habe, um es nun rein im Übersinnlichen zu betätigen. Der Schlüssel zu diesem Denken ist nicht etwa ein verstärktes Nachdenken, so groß dessen Wert sonst ist, außer in den Ausnahmefällen seiner besonderen Intensivierung, die ich auch kenne. Der gemeinte Qualitätssprung wird nach meinem Überblick auch bei anderen Meditierenden viel eher durch eine Denkkonzentration auf die schon erschlossene Bedeutung eines Meditationsthemas vollzogen, die - durchgehalten! - das Denken so verstärkt, dass es als gegenwärtiger und lebendiger Prozess bewusst wird. Dabei erweitert sich die Ausgangsbedeutung durch ein Berühren der übersinnlichen Realität, auf die der Meditationssatz hinweist. Das dem Weltendenken verwandte Menschendenken ist meditierend mehr schauend geworden und setzt seine Einblicke in eigene Gedankenbildungen um.
Während durch das Meditationsthema "Denkend empfinde ich mich eins mit dem Strom des Weltgeschehens" zur Aufmerksamkeit für das Ineinanderspielen von Menschen- und Weltendenken angeregt wird, erschließt die Aufmerksamkeit auf "Die Weisheit lebt im Licht" vor allem etwas vom Weisheitskosmos der Welt. Doch wie viele Rückbezüge zur seelischen Selbsterkenntnis erfuhr ich beim Meditieren auf mein eigenes Weisheitsniveau, die nicht als Ablenkungen einzustufen sind! Wie gering ist meine Weisheit im Vergleich zu der erahnten, welche die Welt durchwebt! Ja, im Vergleich zu dem (erahnten) Weisheitsniveau der Welt, denn trotz meiner lebendigen Einsichten wurde mir immer wieder klar, wie wenig ich erst in den Weisheitskosmos vorgedrungen bin. Aber was sich mir erschloss, konnte mich begeistern! Und die Einsichten in mein Unvermögen waren mir Ermutigungen, mich zu verbessern! Auch solche Reaktionen sollte man nach meinen Erfahrungen nicht als Ablenkungen betrachten, im Gegenteil, sie bildeten Öffnungen, die mein Meditieren förderten! Außerdem gewann ich diese Selbsterkenntnisse und Ermutigungen wie Blitze zusammen mit meinen Einsichten in die Weltenweisheit, denn meditativ lässt sich gleichzeitig mehr von dem erfassen, was sonst leichter nacheinander klar wird. Neben den sporadischen Ablenkungen durch Gedanken und Gefühle, die tatsächlich nicht zum meditativen Prozess gehören, lernte ich jedoch gerade bei meinen Vertiefungen in "Die Weisheit lebt im Licht" die Gefahr eines anderen Abdriftens kennen. Unversehens war mir von Zeit zu Zeit etwas von der wohlwollenden Wärme der ausgewogenen Weltenweisheit zu einer kalten Intelligenz geworden, die ihr entgegensteht. Wie konnte das passieren? Ich hatte das ja nicht gewollt! Ohne meine Frage vollständig beantworten zu können, wusste ich jedoch um den Sinn, der sich aus diesen Erfahrungen ziehen lässt. Von der Weltenweisheit isolierte Aspekte können nun einmal zu einer kalten Intelligenz entstellt werden, das gehört zum Umfang der Realität. Und allein schon aus meinen Konzentrationen auf die kalte Intelligenz wurde mir deutlich, zu welchen Eigenmachtsbedürfnissen die mit ihr verbundene Absichtsbildung neigt. Es ist wichtig, das auch mal erlebt zu wissen, denn jedes erlebte Wissen beeindruckt ja viel nachhaltiger als ein erlesenes, so wertvoll die Vorbereitungen aus der mitgeteilten Anthroposophie bereits sind! Außerdem geht es mir darum, die Mitteilungen klar von meinem Erfahrungswissen zu unterscheiden. Und sprach die Möglichkeit zur Entstellung der Weltenweisheit trotz meines ersten Schreckens nicht auch etwas positiv in mir an! Natürlich, ich musste schon eine gewisse Energie aufbringen, um die kalte Intelligenz mit ihren Ausblicken nur mit meiner moralischen Verantwortung zu verbinden, obwohl sie bestimmt nicht zu meinen Hauptverlockungen gehört! Ich fand es wichtig, mir das zu gestehen, denn meine Ideale dürfen nicht dazu führen, etwas zu verdrängen, was ihnen in mir entgegen wirkt. Erst Jahre später lernte ich nachts außerhalb meines Körpers einige Züge dieser kalten Intelligenz als ein dämonisches Wesen kennen. Imaginativ begegnete ich nun personalisiert, wovon mir zuvor vielleicht die Entstellung der Weltenweisheit inspiriert worden ist. Interpretierend lässt sich diese Frage nicht mehr lösen, sie hätte zur Antwort ein erweitertes Wahrnehmen erfordert.
Doch auch wenn mich ein Meditationsthema anspricht, kann es mir ein bloß erahntes Rätsel sein, als das es sich zum eigentlichen Meditieren noch nicht eignet. Dann hat sich mir eine von Georg Kühlewind entwickelte Methode als hilfreich erwiesen, die sich der Satzbedeutung von seiner Sprachgestalt her nähert. Das Ziel ist aber ein wortloses Denken. Denn einerseits prägen alle Muttersprachen das Denken erziehend und fördernd, während sie es andererseits auf ihren Horizont einschränken. So erwecken alte Sprachen mit spirituellem Vokabular zwar einen Sinn für das Übersinnliche, doch oft um die materielle Wirklichkeit viel weniger differenziert zu erfassen. Bei dem modernen europäischen und amerikanischen Wort(gebrauch) verhält es sich eher umgekehrt, obwohl zum Beispiel das Deutsche und Englische durchaus spirituelle Entwicklungsmöglichkeiten beinhalten. Auf jeden Fall erwacht man erst über alle Sprachen erhoben zu einem universellen Denken, das genügend offen und subtil ist, um meditative Bewegungen vollziehen zu können. Aber wie gehe ich bei Georg Kühlewinds Methode vor, die Anfängern des Meditierens über die Sprache einen vorläufigen Halt gibt, den sie sich für das wortlose Denken erst erwerben müssen? Wenn mir der ausgewählte Satz nur ein ansprechendes Rätsel ist, beginne ich mir eher reflektierend die Grundbedeutung seiner einzelnen Wörter klar zu machen, um sie erst danach in einen Zusammenhang zu bringen. Schnell stellt sich dabei immer heraus, dass die bloße Zusammenfügung der einzelnen Wortinhalte die Satzbedeutung längst noch nicht voll erreicht, denn sie umfasst mehr als die Summe der zunächst zugänglichen Wortaussagen. Doch dank solcher Operationen beginnt etwas von der Satzbedeutung schon als konkretere Ahnung aufzuleuchten. Im nächsten Schritt verbinde ich sie mit nur noch drei oder zwei Wörtern des Satzes, bei "Die Weisheit lebt im Licht" etwa mit "Weisheit im Licht", um danach auf die Schlüsselwörter "Weisheit - Licht" zu wechseln. Schließlich genügt nur noch ein Wort, es kann "Weisheit" sein, an dem die inzwischen immer deutlicher gewordene Bedeutung des Meditationssatzes noch festgehalten wird. Diese letzte Stütze lasse ich fallen, indem ich meine Aufmerksamkeit ganz auf den gefundenen (Teil-)Satzgehalt verlagere, um nun mit der beschriebenen Konzentration zu beginnen.
Meine Konzentration kann in Kontemplation übergehen, aber nicht immer bin ich dazu in der Lage, meine Vereinigung mit dem Meditationsthema durchgehend aufrecht zu erhalten. Wenn sie mir dauerhafter gelingt, treten einige typische Phänomene auf, von denen eines die Weitung meines seelisch-geistigen Wesens über meine Körpergrenzen hinaus ist. Der Kontakt mit meinem physichen Leib bleibt dabei zwar bestehen, doch ich erspüre meine Körperempfindungen nun eben mehr von außerhalb und obendrein seelisch distanzierter, wobei sich die Distanz zugleich auf mein Alltagsselbst erstreckt. Selbstverständlich bin ich bei solchen Beobachtungen nicht mehr mit meinem Thema verbunden. Meine Kontemplation von zum Beispiel "Die Weisheit lebt im Licht" war aber das Tor zu meiner veränderten Verfassung, die ich durch mein Thema außerdem mitgeprägt habe. Weisheit führt zur Besonnenheit, die sich mir bei Bewusstseinsexperimenten immer als hilfreich erwiesen hat. Das beschriebene Experiment vermittelt jedoch nicht nur aufschlussreiche Beobachtungen an meinem Körper und Alltagsselbst, sondern es trainiert zugleich bewusst vollzogene Aufmerksamkeitsbewegungen in einem vom physischen Leib gelockerten Zustand. Andererseits treten in meinen kontemplativen Verfassungen verschiedene Bilderlebnisse zum Meditationsthema und oft auch Selbsterkenntnisimaginationen auf, die mich meinen Körper genauso vergessen lassen, wie die rein idelle Vereinigung mit seinem Satzgehalt. Bei "Die Weisheit lebt im Licht" konnte ich mich manchmal von Weisheit durchtränkt fühlen, was - muss ich es vermerken? - natürlich nur ein Ausblick auf eine zukünftige Verfassung war. Trotzdem sind mir solche Erlebnisse Momente der Wandlung, die schon mit wirksamen Lösungen zu aktuell bewegenden Fragen verbunden sein können. Die Bilderlebnisse teilen sich in zwei Arten. Die erste besteht in symbolischen Bildern, deren Elemente aus Erinnerungen an Sinneswahrnehmungen stammen, die aber immer ihrem neuen Gehalt entsprechend umgeformt sind. Grundsätzlich tragen sie subjektive Züge und sind doch nicht einfach willkürlich gewählt. Sie weisen eben mit den Bildmitteln, die einem zur Verfügung stehen, bestmöglich auf das Thema oder auf Aspekte der eigenen Verfassung hin. Dabei ähneln sie Traumbildern, nur dass sie sich nach meiner Erfahrung oft als präziser und in Bildzusammenhängen als geordneter erweisen und meditativ wacher erlebt werden. Je mehr ich sie bewusst als Verdeutlichungen hervorrufe, desto klarer sind sie durchschaubar, wobei ich viele Zwischenstufen kenne. Auf keinen Fall darf man sie für die übersinnliche Wirklichkeit an sich nehmen, auf die sie nur als eine Bilderschrift hinweisen, die es zu lesen gilt. Die zweite Gruppe von Bildern kann man nur noch annähernd als ein Bilderleben bezeichnen. Auch auf sie trifft der Schriftvergleich zu, doch es handelt sich bei ihnen schon um echte übersinnliche Eindrücke, die von allen genügend entwickelten Hellsehern gleich wahrgenommen werden. Rudolf Steiner betonte etwa zu den Farbwahrnehmungen unter ihnen immer wieder, dass sie keineswegs Farbvisionen sind, sondern Wahrnehmungen, welche Eindrücken ähneln, die man an den Farben der physischen Welt als ihre moralischen Aussagen bemerken kann. So können einige "Rotnuancen" in der Aura von Menschen auf deren Leidenschaften weisen, während gewisse "blaue" eine hingebungsvolle Seele anzeigen. In symbolische Bilder umgesetzt sieht man Leidenschaften oft in tierhaften Formen und das hingebungsvoll Religiöse kann durch eine demütige Gebetshaltung versinnbildlicht werden. Ich kenne die echten hellseherischen Wahrnehmungen nur anfänglich und hauptsächlich als Lichtqualitäten, auf die zu achten ich mich erst erziehen musste, denn sie treten zunächst sehr zart auf. Wie bescheiden und für Wahrnehmungen viel offener leuchtet zum Bespiel Selbstlosigkeit als ein Erkenntnisstolz, dessen Glanz sich mehr in sich selbst verbraucht! Alle geschilderten Wahrnehmungen setzen eine schon etwas erhöhte Aktivität von Chakras voraus. Verschiedene Meditationsthemen sprechen verschiedene Chakras an, durch "Die Weisheit lebt im Licht" (wie durch jede andere Denkmeditation) spürbar das der Stirn. Wenn es entwickelt ist, kann man nach Rudolf Steiner sein höheres Ich über dieses Chakra mit übergeordneten geistigen Wirklichkeiten und Wesen in Verbindung setzen, das zur umfassenden Abrundung seines Wahrnehmungsvermögens allerdings noch die Entfaltung der anderen Chakras braucht. Das eigentliche Ziel der anthroposophischen Schulung ist auf diesem Gebiet jedoch die Ausbildung eines geistigen Herzens im eigenen Lebenskräfteorganismus, über das die Chakras reguliert und die Weisungen des höheren Ich eingebracht werden können. Alle (zum Teil bereits hohen) Entwicklungen davor sind Vorstufen, die noch keiner vollen Einweihung entsprechen.
c) Leeres Bewusstsein als Empfangshaltung
Um ein leeres Bewusstsein als Empfangshaltung herzustellen, muss ich alle Bewusstseinsinhalte löschen, zu denen auch meine Reaktionen auf die erlebten Ideen und Imaginationen gehören. Ich erwähne meine Reaktionen ausdrücklich, weil sie manchmal länger als die Ideen und Imaginationen alleine in mir nachwirken. Doch wenn es mir gelingt, mich weitgehend von meinen Meditationsinhalten zu lösen, habe ich mich in eine Erkenntnisbereitschaft versetzt, für die der vorangegangene Aufbau des Themas - wie schon beschrieben - eine Schale bildende Grundlage bietet. Leer heißt bei mir: möglichst leer - und bezieht sich vor allem auf meine Empfangshaltung. Ich erfahre mich auch als abwartend und muss dabei von Zeit zu Zeit Erwartungen dämpfen, die am besten fallen gelassen werden, denn es geht ja nur noch darum, sich für Offenbarungen ganz zu öffnen. Es ist wie ein Stehen vor dem Nichts, das lediglich für mich eines ist, was sich sofort zeigt, wenn meine Öffnungen beantwortet werden. So bald mir etwas zufließt, seien es Erhellungen zum Meditationsthema, seien es Selbsterkenntnishinweise, ist mit ihnen zugleich ein Halt gegeben, den ich in der reinen Erkenntnisschwebe noch nicht immer aus mir heraus schaffen kann. Die beim Zufluss in ein ruhiges Betrachten verwandelte bloße Empfangshaltung hat sich für mich als besonders günstig für Verarbeitungen erwiesen. Meistens gehe ich aus diesen Betrachtungen mit Einsichten hervor, die bis in mein Fühlen und Wollen reichen.
Es gibt Meditationen, in denen es mir leichter fällt, bei geöffneten Augen in einer Empfangshaltung zu sitzen. Meine Hauptaufmerksamkeit ist dabei natürlich nicht auf Sinneseindrücke gerichtet, die mir dann aber als Randwahrnehmungen eine Stütze für meine offene Wachsamkeit geben.
4. Wirkungen des Meditierens und seiner Begleitübungen außerhalb der Übungszeiten
Dank der allmählichen Weiter- und Neuentwicklung von Eigenschaften und Fähigkeiten sowie der beginnenden Entfaltung von Chakras stellen sich übersinnliche Erlebnisse ein, die zunächst außerhalb der eigentlichen Übungszeiten spontan auftreten, bevor sie gezielt hervorgerufen werden können.
Nach Rudolf Steiner sind dafür besonders das (dann aufgehellte) Träumen und Schlafen günstige Gelegenheiten, da in ihnen die stark beeindruckenden Sinneseindrücke fehlen. So zeigt sich nach seinen Angaben ein Gewinn an Kraft für mehr Bewusstheit bei vielen Übenden früher oder später nicht nur beim Meditieren und im Alltag, sondern auch beim Träumen. Ich kann das aus meiner Erfahrung bestätigen. In guten Übungsphasen weiß ich seither vermehrt, wenn ich träume, wodurch ich mit dem Traumgeschehen weniger identifiziert bin und es ein Stück weit mitgestalten kann. Vor einigen Jahren habe ich eine Elementarübung für mein luzides Träumen eingeführt, ein gewolltes "Schweben", während mein Ziel die Annahme und erste Verwandlung meiner Schattenseiten noch im Verlauf des Traumgschehens ist, das bei mir noch immer hauptsächlich persönliche Verfassungen zum Ausdruck bringt. Doch sofern sich diese Träume auf seelisch-geistige Entwicklungen beziehen, sind sie auch nach Rudolf Steiner wertvolle Hinweise, die wir in unser Bilderrepertoire gekleidet vorfinden. Wie klar und wahrhaftig das geschieht, hängt vom Träumenden ab, dem die natürlich meistens nur später mögliche ehrliche Deutung mit ihren Lebenskonsequenzen obliegt. Nach meiner Erfahrung ist das deshalb eine so wichtige Ergänzung zu den anderen Übungen, weil sich in diesen Träumen unweigerlich etwas von den Schattenseiten meldet, die trotz aller anderen Bemühungen noch übersehen bleiben konnten. Während des veränderten Träumens beginnen sich aber auch Tatsachen der geistigen Umwelt in Sinnbildern zu zeigen. Ich betrachte das luzide Träumen mit seinen Handlungsspielräumen als eines der Übungsfelder für das höhere Erkennen und Bewegen im Übersinnlichen, denn es findet schon ohne jede körperliche Stütze rein in Symbolen, Gefühlen, Willensregungen und Gedanken statt. Da ich mittlerweile weiß, was das verstärkte Auftreten von luziden Träumen fördert: ein intensives meditatives Üben, kann ich es für mehr Traumbewusstheit einsetzen, wobei sich die Absicht, luzide zu träumen, als Hilfe bewährt hat. Darüber hinaus und nur selten finde ich mich aus dem Tiefschlaf plötzlich in ein übersinnliches Erleben versetzt, in dem jedes Symbolisieren in Sinnbildern aufgehoben ist und stattdessen das schon beschriebene Wahrnehmen von verschiedenen Licht- und Farbeindrücken auftritt. Licht ist wirklich nicht gleich Licht, es kann in Bezug auf seinen moralischen Gehalt als auch die Intensität seines Strahlens sehr differieren. Vor allem beim Meditieren erlebe ich die Lichteindrücke oft von Wärme- und Kältewahrnehmungen begleitet, die wie zum Beispiel auch ein geistiges Schmecken ebenfalls zum imaginativen Erleben im erweiterten Sinne zählen. Aus meinen nur anfänglichen Eindrücken kann ich schon ganz sicher bestätigen, worauf Rudolf Steiner hingewiesen hat: in ihren Wärme- und Kälteaussagen zeigt sich der Willenscharakter von Geistwesen. Bei den ersten dieser echten hellseherischen Erfahrungen fand ich mich bei Gegenbewegungen zu Kräften in mir wieder, die mich in meinen Körper zurückziehen wollten. Bei aller Berechtigung, die sie als Inkarnationskräfte haben, gilt es sie doch handhaben zu lernen, denn sonst lassen sich keine übersinnlichen Erkundungen anstellen. Die Bekanntschaft mit Inkarnationskräften gehört nach Rudolf Steiner zu den Früchten von Denkmeditationen wie "Die Weisheit lebt im Licht", die sie auf ihrer von mir längst noch nicht erreichten Höhe allerdings mit tiefen Einsichten in das Leben nach dem Tod verbindet. Nach einer Verarbeitungs- und Vorbereitungszeit kehren wir zu neuen Entwicklungschancen wieder auf die Erde zurück.
5. Das Erkennen des Erkennens
Seit über drei Jahrzehnten meditiere ich nun nach anthroposophischer Methode, die sich in der hier vorgestellten Fassung erst nach und nach herausgebildet hat und bestimmt noch nicht die endgültige ist. Aus dem Geist der Anthroposophie eigene Elemente in mein Meditieren einzufügen, gehört zu den Freuden, die mir meine Praxis bis heute bereitet. Dieser Geist wird aber nicht nur durch mein Meditieren und andere Schulungswegübungen immer weiter entzündet, sondern zugleich an meinem Studium der bereits vermittelten Anthroposophie, wenn ich verbindlich und in einer besinnlichen Verfassung lese. Ganz gewiss wird mir die dargestellte Anthroposophie außerdem noch lange begrifflich ersetzen, was sich erst einem besser entwickelten imaginativen und besonders inspirativen und intuitiven Erkennen selbstständig erschließt. Ich finde es nur zu verständlich, wenn sich dazu die Frage stellt, woher man wissen soll, ob die Mitteilungen von Rudolf Steiner und anderen Forschern stimmen, dank welchen ich meine eigenen - aber fragmentarischen - Erkenntnisse ergänze und in große Zusammenhänge stelle. Doch ob man das macht, ist in der Anthroposophie jedem erklärt selbst überlassen und mit dem Ratschlag verbunden, Aussagen weder voreilig anzuzweifeln noch anzunehmen, auch wenn es um Orientierungen für übersinnliche Erfahrungen geht, so fördernd sie aus den genannten Gründen sind. Gleichzeitig hat Rudolf Steiner allerdings zur Überprüfung seiner Darlegungen auf- und herausgefordert, sei es an der allen Menschen zugänglichen Wirklichkeit mit der Frage "Erklärt die Anthroposophie sie schlüssig und lebenspraktisch fruchtbar?", sei es durch eigenes übersinnliches Erkennen. Jede Auseinandersetzung unter Einbeziehung des jeweiligen Standes der etablierten Wissenschaft und von anderen spirituellen Richtungen und sonstigen Weltanschauungen ist dabei willkommen, sofern sie sachlich erfolgt. Auf beiden Wegen haben sich mir viele Bestätigungen ergeben, durch die mein Vertrauen bestärkt wurde. Die Vertrauensgrundlage war aber schon zu Beginn meiner Begegnung mit der Anthroposophie entstanden, weil sie von einem Erkennen des Erkennens ausgeht - und nicht von Aussagen, die als hingestellte Prämissen das Fundament einer Weltanschauung bilden.
Es ist hier nicht der Platz, der Frage nach dem Erkennen anhand der anthroposophischen Erkenntnistheorie ausführlich nachzugehen. Das würde eine eigene Arbeit erfordern. Ich kann die Erkenntnistheorie deshalb nur empfehlen und darauf hinweisen, dass sie für mich in Erkenntnispraxis umgesetzt zum Schulungsweg gehört. Wichtige Anlagen zur Methodik des Schulungsweges lassen sich in ihr schon entdecken, so grundlegend der völlige Verzicht auf jedes bloß gedankliche Schlussfolgern oder gar Spekulieren zugunsten eines Verstehens an Beobachtungen. Doch diese Anlagen sind in der okkulten Anthroposophie beträchtlich erweitert. Denn wo man auf der Ebene der Erkenntnistheorie Wahrnehmungen von Sinneseindrücken und von eigenen und fremden seelischen Verfassungen mit Begriffen verbindet und sein Erkennen dabei durchleuchtet, gilt es in der okkulten Anthroposophie imaginativen, inspirativen und intuitiven Wahrnehmungen mit einem höheren Verstehen zu begegnen, wobei sich herausstellt, dass Wahrnehmungen (das Wahrgenommene), Erkennen (das Wahrnehmen und Verstehen) und der Erkennende (das Subjekt des Erkennens) immer mehr zusammenfallen, um bei der Intuition schließlich völlig vereinigt zu werden. Das aus der Erkenntnistheorie erwachsende Prinzip, jede Erkenntnisbemühung zu verstehen, um sich über ihre Sicherheit und Reichweite im Klaren zu sein und die für jeden Erkenntnisgegenstand angemessene Methode zu finden, wird bei jedem Schulungswegschritt für die Selbstentwicklung und später das Forschen durchgehalten. Mit meiner Darstellung einiger Übungen des anthroposophischen Schulungsweges habe ich Beispiele dafür gegeben, wie sie zu einer gründlichen Persönlichkeitserkenntnis bis hin zum Durchschauen gesellschaftlich bedingter Prägungen führen, um Erkenntnishindernisse auszuräumen. Ihre Tiefe erreicht die anthroposophische Schulung dabei und darüber hinaus, indem sie von den heute gewöhnlich allein bemerkten Ergebnissen von Bewusstseinsvorgängen zu den Bewusstseinsvorgängen selbst voranschreitet, wofür sie an das Denken der Erkenntnistheorie anknüpfen kann, sofern es als Bildner aller Begriffe tatsächlich bewusst gemacht wird. Man kann sich aber nicht nur zu seinen Gedanken das sie hervorbringende Denken ins Bewusstsein rufen (wie ebenfalls schon dargestellt), sondern auch zu seinen Gefühlen das sie hervorbringende Fühlen, zu seinen Willensimpulsen das sie hervorbringende Wollen und sogar zu seinen Wahrnehmungen das Wahrnehmen. Das bedeutet mehr als eine psychologische Persönlichkeitserkenntnis, so wichtig sie ist. Mit jeder Bewusstseinstätigkeit wird ja auch ein neues Wahrnehmen und Verstehen bewusst und zugleich die übersinnliche Sphäre, die ihr entspricht. Außerdem müssen die körperlichen Bedingungen für das Erkennen ins Bewusstsein gehoben werden, seien sie physischer oder übersinnlicher Natur, wozu ich auf das vom Gehirn unabhängige Denken und die Chakras hingewiesen habe. Kurz: der ganze Mensch wird auf dem anthroposophischen Schulungsweg Schritt für Schritt mit seinen Erkenntnismöglichkeiten erhellt. Bis auf den Grund werden sie mit ihren je nach Individualität verschiedenen Schwächen und Stärken allerdings erst durchschaut, wenn man als Subjekt aller seiner Erkenntnistätigkeiten voll erwacht ist. Nur aus einem Erkennen des Erkennens lassen sich sichere Erkenntnisse gewinnen.
Hans-Peter Dieckmann, Juli 2007