Anthroposophie auf dem Weg

Offener Brief an Herrn Bondarew zu seiner Entgegnung auf meine Leserbriefe in der INFO3 und im HINWEIS in überarbeiteter Form, Mai 2007; die ursprüngliche Fassung stammt  vom 21.11.2005 und wurde auf der Website des Lochmann-Verlages nicht veröffentlicht.

Lieber Herr Bondarew!

Ihre Erwiderung auf meine Leserbriefe in der INFO3 und im HINWEIS habe ich erst Anfang Oktober (2005) entdeckt, als ich nach vielen Monaten mal wieder auf der Website des Lochmann-Verlages vorbeigeschaut habe. Das Thema "Gefährdung der anthroposophischen Arbeit durch Ihren und anderer Anthroposophen Revisionismus" war für mich nämlich insofern erledigt, als für Ihre Seminare im Rudolf Steiner Haus von Hamburg bereits in 2003 und für die anthroposophische Buchhandlung unserer Stadt sowie für Anzeigen Ihres Kreises im HINWEIS im Frühjahr dieses Jahres (2005) das Aus gesprochen war. Ich finde, dass Sie diese Informationen den Besuchern der Lochmann-Website schuldig geblieben sind, aber eine reelle Information ist offenbar nicht Ihre Sache, was mir Ihre Erwiderung auf meine Leserbriefe besonders deutlich zeigt.

Um es vorweg mit einem einzigen Satz zu sagen: Den Hans-Peter Dieckmann, den Sie in Ihrem Brief beschreiben und verurteilen, gibt es nicht. Aber auch sich selbst haben Sie keineswegs immer richtig dargestellt.

Sie behaupten, ich hätte Ihre Arbeit zur Methodologie der anthroposophischen Geisteswissenschaft in Hamburg von Beginn an zu stören versucht. Tatsache ist, dass ich von diesen Seminaren erst im September 2002 erfahren habe und der erste Protest von einigen Anthroposophen ohne meine Mitwirkung erfolgte, um mich ab 2003 dann allerdings zunehmend stärker gegen Ihre Seminartätigkeit zu engagieren. Von Ihren Seminaren davor (zu welchen Themen auch immer) wusste ich nicht einmal.

Sie behaupten, ich hätte während meines Besuchs bei Ihrem Seminar im Haus Butin am 29.03.2003, Ihnen und den Seminarteilnehmern gedroht, keiner von Ihnen werde jemals wieder die Schwelle des Hamburger Zweiges übertreten können. Nein, ich habe vielmehr zunächst einer kleinen Gruppe von Seminarteilnehmern sachlich und engagiert mein Anliegen vorgetragen, mich vor Seminarbeginn kurz kritisch zu einigen Ihrer okkult-politischen Ansichten zu äußern. Diese zunächst nur vier Seminarteilnehmer (ich könnte sie namentlich nennen) waren unentschlossen, ob sie meinem Anliegen zustimmen sollen, weshalb sie zur Entscheidung auf Sie verwiesen. Dabei habe ich allerdings meine Auffassung vertreten, Ihnen die Seminartätigkeit im Rudolf Steiner Haus zu untersagen, doch nicht in Form einer Drohgebärde, sondern mit Argumenten. Aber auch Ihnen würde ich deshalb niemals verbieten, Veranstaltungen im Rudolf Steiner Haus zu besuchen. In meiner Arbeitsgruppe konnte eine erklärte Revisionistin zwei Jahre lang mitarbeiten.

Sie behaupten, ich hätte Sie angeschrieen, dass ich Ihnen Ihre Kritik des Homosexualismus nie verzeihen werde und dass mir von Ihnen ausführlich dargelegt wurde, warum Sie eine Kritik der Homosexualität unternommen haben. Tatsache ist, dass Sie von mir kein einziges Mal angeschrieen worden sind, sondern dass ich Ihnen mit höflichem Engagement die Gründe für mein Anliegen dargelegt habe, sogar zweimal, denn Sie antworteten auf meine erste Aufzählung, Sie hätten mich nicht richtig verstanden. Ich nannte Ihnen Ihre Infragestellung bis Leugnung des Holocaust, Ihre Verunglimpfung rechtsstaatlicher Schutzgesetze gegen die Verharmlosung, Leugnung oder gar Billigung von Nazi-Verbrechen als Knebelgesetze und Ihre Homosexuellen-Diskriminierung. Dabei berief ich mich zum Holocaust unter anderem auf die im Auftrag von INFO3 erfolgte Übersetzung der Auslassungen in der deutschsprachigen Ausgabe Ihrer "Anthroposophie auf der Kreuzung ...", wobei ich keineswegs vorgab, dass Buch teilweise im russischen Original gelesen zu haben. Vielleicht ist diese Behauptung auf akustische und sprachliche Schwierigkleiten zurückzuführen. Auf die Homosexuellen-Diskriminierung sind Sie kaum eingangen. Sie verwiesen nur kurz auf eine Auseinandersetzung zu diesem Thema und antworteten auf meine Frage, ob Sie Homosexuelle inzwischen zur anthroposophsichen Arbeit zulassen würden, mit Schweigen. Zum Gespräch über meine zwei anderen Gründe boten Sie mir zunächst die Seminarpause an, um sich dann an den mittlerweile um die vierzig Leute zählenden Teilnehmer-Kreis zu wenden. Sie sprachen von der aus Ihrer Sicht die Wahrheitsfindung zum Holocaust behindernden Gesetzeslage und bezogen sich auf Gerichtsprozesse um revisionistische Positionen (unter anderem von D.Irving). Vorweg hatten Sie die Teilnehmer Ihres Seminars über mein Anliegen in Kenntnis gesetzt.

Viele der gerade noch zu Ihren Holocaust-Ausführungen schweigenden Seminarteilnehmer reagierten inzwischen zunehmend emotionaler, ja, die Stimmung im Raum war geradezu geladen. Man wollte endlich mit dem Seminar beginnen, ich störe nur und vertrete unmögliche Ansichten. Erst hier begann ich manchmal mit etwas erhobener Stimme Kontra zu geben. Unter den emotionalen Vorwürfen waren einige Hasstiraden.

Im Vorzimmer des Seminarraums fanden wir uns wieder, in das ich mich zurückziehen musste, da bei der herrschenden Emotionalität kein Durchkommen war. Durchaus mit einer gewissen Befriedigung und mit leichter Häme fragten Sie mich dort, ob ich denn gar kein Interesse an Ihrer Arbeit zur "Philosophie der Freiheit" von Rudolf Steiner hätte. Ich könnte an Ihrem Seminar teilnehmen. Ich antwortete, dass ich natürlich an der "Philosophie der Freiheit" und an erkenntniswissenschaftlicher Arbeit überhaupt interessiert bin, dafür aber andere Gelegenheiten finde. Damals stimmten Sie mir zu. Ihre Behauptung, ich hätte Ihnen auf Ihre Frage mit  "Ich habe weder Zeit noch Lust" geantwortet, ist also ebenso falsch wie Ihre übrige Darstellung meines und Ihres Verhaltens während unserer Begegnung.

Und wie steht es mit Ihren inhaltlichen Vorwürfen?

1. Zur Homosexualität

Meine Kritik an Ihrer Diskriminierung von homosexuellen Frauen und Männern nimmt in Ihrer Erwiderung einen dermaßen übersteigerten Raum ein, dass sie schon ihren Platz im Rahmen meiner Kritik an Ihnen absurd verfälscht. Außerdem unterstellen Sie mir zur Homosexualität so unsinnige Bezüge, dass ich ohne Ihre Assoziationen (oder was auch immer) niemals auf sie gekommen wäre. Können Sie mir glauben, dass ich Homosexuelle nicht für bessere Demokraten als andere Menschen halte? Wie gut sie als Demokraten sind, hängt wie bei allen Menschen natürlich nur von ihrer individuellen politischen Reife ab. Und wie um alles in der Welt kommen Sie nur darauf, ich würde das Nicht-Anerkennen des Homosexualismus mit der Holocaust-Leugnung gleichsetzen? Nein, Herr Bondarew, ich vertrete überhaupt keinen Homosexualismus (was für ein hässliches Wort), sondern mir geht es schlicht um Liberalität auch für unsere homosexuellen Mitbürger - und ich freue mich über alle Gesellschaften, in denen sie immer mehr zur Selbstverständlichkeit zu werden beginnt. Außerdem waren unter den wenigen Homosexuellen, die ich etwas näher kennen gelernt habe,  welche mit Offenheit für Spiritualität, die ich durch fragwürdige Ansichten wie Ihre für die Anthroposophie nicht verprellt wissen will.

In den Auseinandersetzungen zum Thema "Sexuelle Perversionen" in Ihrer "Anthroposophie auf der Kreuzung ..."  reihen Sie die Homosexualität nach einigen Erwägungen in diese Perversionen ein, was ich für recht unausgegoren halte. Dabei zählen Sie aber  einige gefährliche sexuelle Verirrungen auf, die es auch nach meiner Auffassung zumindest nicht ratsam erscheinen lassen, sich bei einem Hang zu ihnen vertieft mit okkulter Praxis zu befassen. Andererseits können die Übungen des anthroposophischen Schulungsweges gewiss noch viel mehr als die schon wertvolle begriffliche Erarbeitung der Anthroposophie zu einer Neu-Orientierung für diese Menschen führen, wenn sie ernsthaft von ihnen aufgegriffen würden. Ich denke dabei besonders an die Neben- bzw. Grundübungen und an das elementare Meditieren, denn durch diese Übungen lassen sich allmählich selbst sexuelle Energien verwandeln. In Ihren Ausführungen kommen Sie hingegen pauschal zu dem Schluss, alle sexuell Verirrten - also auch Homosexuelle - seien dermaßen der Sünde verfallen, dass sie in der Esoterik, im Okkultismus und erst recht in der ersten Klasse der freien Hochschule für Anthroposophie (die meinen Sie wohl mit der ersten esoterischen Klasse) keine Berechtigung haben.

Was hat Sie in Ihrer Erwiderung nur zu der Behauptung gebracht, Sie hätten sich in dem genannten Buch mit einem Ausschluss "lediglich" gegen den anthroposophischen Arbeitskreis Bi-/Homosexualität gewendet? Einmal abgesehen davon, dass dieser Kreis in einem Flensburger Heft sehr aufschlussreich über seine Arbeit zur Sexualität berichtet hat, die Sie natürlich nicht würdigen können. Wenn Sie in dieser Frage inzwischen aber tatsächlich liberaler geworden sein sollten, würde mich das freuen. Und noch schöner fände ich es, wenn Sie sich dazu durchringen könnten, auch diesem Arbeitskreis die Teilnahme am anthroposophischen Geistesleben zuzugestehen, anstatt es wie in Ihren Ausführungen zur Sexualität weiterhin zu begrüßen, wenn eine Anzeige des Kreises von der Pinnwand des Goetheanum (dem anthroposophischen Zentrum in Dornach) gerissen wird.

2. Zum Judentum

Nach einer Würdigung der historischen Rolle des Judentums kommen Sie unter Berufung auf Rudolf Steiner in Ihrer "Anthroposophie auf der Kreuzung ..." zu dem Aufruf an alle heutigen Juden, sich in die Kulturen ihrer Gastvölker ganz zu integrieren, da die jüdische Kultur in allen ihren Elementen überholt sei und deshalb nur noch retardierend wirken würde.  Wie sie sich in Israel verhalten sollen, bleibt dabei eine unbeantwortete Frage. In meinem Leserbrief an den HINWEIS machte ich hingegen darauf aufmerksam, dass Ihr Aufruf gerade nicht Rudolf Steiners Darstellung entspricht, die viel differenzierter ist, als Sie es behaupten. Einmal abgsehen davon, dass in den von Rudolf Steiner für die Anthroposophische Gesellschaft vorgeschlagenen und von den Mitgliedern angenommenen Statuten die Religionsfreiheit garantiert ist.  Als ein Beispiel für Rudolf Steiners differenzierte Sicht führte ich seine Würdigung der mosaischen Gesetze an, die er als immer noch gegenwartsrelevant und für die Zukunft bedeutsam bezeichnet hat. Dabei nannte ich die Zehn Gebote natürlich als spezifischen Ausdruck der jüdischen Gesetzesreligion, auch wenn sie nach Rudolf Steiner auf einer anderen Ebene als letztlich vom Christus inspiriert dargestellt werden (was kein Widerspruch ist). Ich wies außerdem an Martin Bubers Dialog-Philosophie darauf hin, dass sich aus Elementen der vielschichtigen jüdischen Kultur (in seinem Fall stark aus dem Chassidismus) Völker übergreifende Inspirationen für die Gegenwart beziehen lassen, was in Ihren Ausführungen vollständig fehlt, obwohl es doch naheliegend ist (und wissenschaftich wäre), das Judentum auch einmal auf seine Gegenwartsentwicklungen  zu prüfen.  Was hindert Sie nur daran, der gegenwärtigen jüdischen Kultur gerecht zu werden?

Ich wiederhole: Selbstverständlich gehört dazu auch eine kritische Auseinandersetzung zum Beispiel aus dem Geist von Rudolf Steiners "Philosophie der Freiheit", der dabei seine freie Moralbildungsfähigkeit (und damit Unabhängigkeit vom Empfang selbst göttlicher Moralgesetze) geltend machen kann, womit er sich aber von jeder orthodoxen religiösen Haltung distanziert.  Wo und weshalb es dabei trotzdem zu inhaltlichen Übereinstimmungen etwa mit den Zehn Geboten kommt, ist eine mir hochinteressante Frage, der ich hier nicht nachgehen kann.  

3. Zum Holocaust

Wenn man nur Ihre Erwiderung auf meine Leserbriefe kennen würde, müsste man meinen, Sie wehren sich zum Holocaust lediglich gegen dessen Missbrauch als Quasi-Religion und zum Zweck einer Vermischung von politischen mit privaten Interessen.  Natürlich gab und gibt es solche fragwürdigen Instrumentalisierungen, aber die Mehrzahl der Menschen, die den Holocaust in Erinnerung behalten wollen, sind dazu einfach aus Betroffenheit über den schrecklichen Massenmord motiviert. Sie ziehen Konsequenzen aus diesem beschämensten Teil der deutschen Geschichte, um diese Tragödie (und jede nur annähernd vergleichbare) nie wieder Wirklichkeit werden zu lassen.  Insofern sie Deutsche sind übernehmen sie  als mittlerweile oft  völlig Unschuldige ihres Landes freiwillig eine Aufarbeitung, ohne die eine bessere deutsche Kultur nicht denkbar ist. Okkult betrachtet ist diese Wiedergutmachung ohne Schuld ein Geschenk zur Abtragung von schlechten Seiten des deutschen Volkskarmas, womit die Stärken der deutschen Kultur gefördert werden  - im europäischen Rahmen, denn heute geht es nicht mehr vorrangig um Nationalsstaaten.  Zu der schon verwirklichten besseren deutschen Kultur gehören rechtsstaatliche Schutzgesetze, die sich auch unter Androhung von Strafen gegen jede Falschdarstellung des vollständig bewiesenen Massenmordes wenden. Nicht zuletzt in einigen anthroposophischen Kreisen, die in Hamburg bis zu mehreren Verantwortungsträgern reichen, wird dieser Realität nicht mehr genügend Rechnung getragen. Sie, Herr Bondarew, gehören innerhalb der anthroposophischen Bewegung zu den Vorreitern dieser fragwürdigen Haltung. Sie und Ihr Verleger haben aus der  "Anthroposophie auf der Kreuzung ..." Ihre Infragestellung bis Leugnung des Holocaust nicht etwa aus einer einsichtsvollen Selbstzensur gestrichen, sondern um das Buch zu verbreiten, denn Sie  wussten um seine Verfassungsbedenklichkeit im russischen Original. Ihre Taktik nach dem Erscheinen des oft kritisierten Buches liegt bis heute auf der Linie Ihrer Erwiderung auf meine Leserbriefe, anstatt wenigstens Mann genug zu sein, Ihren Revisionismus offen zu bekennen.

Mit meiner Bemerkung, dass Sie sich für Ihren Revisionismus zum Teil auf die selbe (natürlich gefärbte) Literatur wie die Rechtsradikalen stützen, obwohl es Ihnen wichtig ist, kein Neo-Nazi zu sein, wollte ich auf einen Widerspruch aufmerksam machen, gerade weil ich Ihnen das abnehme. Andererseits beschweren Sie sich aber bitte nicht über Neo-Nazi-Vorwürfe, so lange Sie Anthroposophen wie mich als Neo-Bolschewisten beleidigen.

Im letzten Absatz Ihrer Erwiderung schreiben Sie von dem Streben nach Wahrheit und Freiheit. Nur, Herr Bondarew, ich finde dieses Streben bei Ihnen nicht allzu abgedeckt, denn als eine bloße Aneinanderreihung von Irrtümern kann ich Ihren Brief nicht auffassen. Hat er nicht eher etwas mit dem von Ihnen angeklagten "intellektuellen Banditentum" gemein, das sie so oft in der anthroposophischen Presse meinen ausmachen zu können? Mehr Selbsterkenntnis würde Sie vor solchen Projektionen schützen. Außerdem habe ich Zweifel, dass Sie das Streben nach mehr Selbsterkenntnis noch besser erlernen werden. Gleichwohl empfehle ich Ihnen: Versuchen Sie den Einstieg in diesen Lernprozess doch mal mit etwas mehr Wahrhaftigkeit, auch Ihre innere Freheit würden Sie dabei steigern.

Viel Erfolg dabei,

Hans-Peter Dieckmann

Zu Ihren Verleumdungen, Herr Lochmann!

In unserem Mail-Wechsel sind Sie mir den Nachweis für Ihre Behauptung schuldig geblieben, ich hätte in mehr als zwei Zeitschriften Leserbriefe zu Herrn Bondarew veröffentlichen können. Es waren nur zwei! Und verwechseln Sie meine Kritik an Ihrem Autor doch nicht mit einer Rufmordkampagne, während Sie mit ihm zusammen tatsächlich eine (nicht nur) gegen mich inszenieren! Und wie absurd ist doch Ihre Behauptung, ich hätte mehrere Bondarew-Seminare belagert! Wie sollte ich denn allein  Belagerungen durchführen!? Wer für die "Ein-Mann-Belagerung" eines Bondarew-Seminars vor dem Hamburger Rudolf Steiner Haus verantwortlich war, um die nachträgliche Übersetzung  zahlreicher revisionistischer  Äußerungen in der russischen Ausgabe der  "Anthroposophie auf der Kreuzung ..."  zur Aufklärung über den Autor und Seminarleiter zu verteilen, habe ich Ihnen geschrieben  -  und trotzdem waren Sie auch hier nicht bereit, sich zu korrigieren!

Nachtrag   

Im Anschluss an ein Treffen des Kulturkreises der Hamburger Forum-Initiative am Mittelweg 145 a im Herbst des vergangenen Jahres bat ich einen Teilnehmer des Bondarew-Seminars vom 29.03.2003, Peter Kunert, zum Gespräch. Ich war ihm seither nicht wieder begegnet. Vielleicht wird der Versuch ja doch etwas bringen, sagte ich mir, trotz meiner bis dahin nicht gerade ermutigenden Erfahrungen mit Sympathisanten von Bondarews Gesinnungsart. Mich interessierte Peter Kunerts Eindruck von meinem Besuch im Haus Butin, den er von Beginn an miterlebt hatte, denn er gehörte zu den Seminaristen, mit denen ich schon vor der Ankunft von Bondarew in einer Diskussion zusammenstand. Außerdem war ich an seiner Meinung zu Bondarews Darstellung des Seminargeschehens interessiert. Peter Kunert erzählte mir jedoch, dass er diese Darstellung und meine Entgegnung auf sie nicht kenne. Und das Seminar müsse er sich erst wieder in Erinnerung rufen. Ich schickte ihm deshalb die Adresse der Website vom Lochmann-Verlag und die von meiner Website per Mail zu und bat ihn um eine schriftliche Stellungnahme.

Peter Kunert antwortete, inzwischen vergegenwärtige er sich das Seminargeschehen wieder ganz gut, um dann zu urteilen, "dass die Ausführungen von Herrn Bondarew auch für mich der Situation nicht angemessen entsprechen".  Weiter:  "Auch wenn ich eine spürbare Erregung auf allen Seiten erinnere, so kann doch nicht gesagt werden, dass Sie geschrieen hätten." Und an eine angebliche Drohung von mir, die Seminarteilnehmer würden nie wieder die Schwelle des Rudolf Steiner Hauses übertreten dürfen, hat er keine Erinnerung, war seine  abschließende Mitteilung. 

Auf meine Nachfrage, ob er über das kurze Gespräch zwischen Bondarew und mir überhaupt etwas sagen kann, kam keine Rückmeldung. Ich hatte ihm geschrieben, dass er von diesem Gespräch kaum etwas mitbekommen haben dürfte, denn es wurde zwar im Seminarraum geführt, aber in gewöhnlicher Lautstärke etwas abseits der sich zunehmend einfindenden Seminarteilnehmer.  *

In derselben Mail nahm ich auf eine Bemerkung von Peter Kunert während unserer Diskussion vor Bondarews Ankunft Bezug, nämlich dass er eine andere Lesart von Bondarews okkult-politischen Ansichten als dessen Kritiker vertritt. Ich fragte ihn: "Gilt das eigentlich noch heute und was macht diese Lesart denn zu den Themen Revisionismus, Judentum und Homosexualität aus?" Peter Kunerts Antwort: "Ihre Frage nach meiner Denkungsart kann ich nicht so leicht beantworten, sie ist natürlich zunächst unabhängig von den Inhalten. Aber da beginnen ja schon die Schwierigkeiten einer Beschreibung." Ich hakte nach: "Meine Fragen zu Ihrer Lesart von Bondarews Ausführungen zum Holocaust, zur Schuldfrage im Krieg gegen die Sowjetunion usw. **, zum Judentum und zur Homosexualität sind doch ganz leicht zu beantworten. Es geht mir dabei nicht um eine ausführliche Stellungnahme, sondern um eine kurze Zusammenfassung. An Ihren Denkinhalten kann ich dann etwas über Ihre Denkungsart entnehmen, die nicht gesondert dargestellt werden muss. Also noch einmal: Was macht Ihre Lesart von Bondarew zu den drei genannten Themen im Kern aus? Und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für Sie?" Doch Peter Kunert meldete sich nicht, weshalb ich ihn nach fast zwei Monaten an die Anwort erinnerte. Wenige Tage später schrieb er mir: "Aufgrund Ihrer Erinnerung vom 6.02.2008 habe ich Ihre E-Mail vom 14.12.2007 noch einmal durchgelesen und komme zu dem selben Schluss wie beim ersten Lesen. Eine Antwort auf die gestellten Fragen ist mir  - insbesondere wegen Ihrer Fragehaltung - nicht möglich. Auch weitere Erklärungen zu diesem Sachverhalt möchte ich - gerade per E-Mail - nicht abgeben." In meiner letzten Mail an Peter Kunert bedauerte ich, dass er ohne eine genaue Begründung, was ihn an meiner Fragehaltung stört, den Mailwechsel abbrechen will, um dann hinzuzufügen: "Bei der Art Ihrer Antworten kann sich leider kein Dialog entwickeln. Außerdem bedenken Sie doch, dass auch Ihr Ausweichen viel aussagt. Wollen Sie nicht einmal auf die Frage antworten, ob Sie den Holocaust für eine bewiesene Tatsache halten?" Bis heute ist Peter Kunert selbst auf meine Schlussfrage nicht eingegangen.     

Anmerkungen

* Eine ausführlichere Beschreibung meines Besuchs im Haus Butin findet sich in meiner Entgegnung auf Bondarews Verleumdungen (siehe oben).  Aber  trotz  ihrer Kürze habe ich mich über Peter Kunerts Erinnerungen an meinen Besuch im Haus Butin und  über seine Stellungnahme zu dessen Darstellung durch Bondarew gefreut. Die Erregung auf allen Seiten war allerdings eine Erregung auf lediglich zwei Seiten, von denen die eine in mir bestand. Außerdem setzte die spürbare Spannung, die auch ich als Erregung bezeichnen könnte, erst ein, nachdem mein Anliegen allgemein bekannt geworden war.

** Unter Berufung auf den in Revisionisten-Kreisen beliebten Autor Suworow meint Bondarew, Hitler habe einen Präventivkrieg gegen Stalin geführt. Das ist nur ein Beispiel für Bondarews Sicht auf den 2. Weltkrieg.  -  Andere wichtige Quellen für seinen Revisionismus finden sich nur in der russischen Ausgabe der "Anthroposophie auf der Kreuzung der okkult-politischen Bewegungen der Gegenwart". Dazu gehören die Bücher von David Irving und ein von dem DVU-Vorsitzenden Dr. Frey (dessen Partei heute eng mit der rechtsradikalen NPD zusammen arbeitet) herausgegebener Bildband, der laut Bondarew den Nachweis liefert, dass Fotos zum Beweis des Holocaust gefälscht worden sind.  Irving ist ein in Revisionisten-Kreisen ebenfalls sehr beliebter Autor, den Bondarew als bedeutenden englischen Historiker vorstellt. Während seines österreichischen Gerichtsverfahrens im Jahr 2006 erklärte Irving allerdings, er habe sich mit seiner Leugnung des Nazi-Massenmordes an Juden und anderen Verfolgten durch Giftgas geirrt. In der Tat. Die Frage ist jedoch, ob diese Äußerung nur ein taktisches Manöver war, um ein mildes Urteil zu erreichen.

Links

Zur Holocaust-Leugnung und zur Präventivkriegsthese (sowie Informationen und Interpretationen zu verwandten Themen): www.h-ref.de

Speziell zu David Irving: http://de.wikipedia.org./wiki/David_Irving

Es lohnt sich, diese Links (und weitere dort angebene)  zu okkult-politischen Betrachtungen wie denen von Bondarew heranzuziehen.

Aktuelle Beiträge zur Aufarbeitung der Haltung von einigen Christengemeinschaftspfarrern und Anthroposophen zum Nationalsozialismus und Faschismus auf einer anthroposophischen Website: www.egoisten.de

Hans-Peter Dieckmann,  August 2008